In Deutschland gab es bereits lange vor dem Neuen Markt wilde Aktienspekulationen und Börsenschwindel. Der wohl markanteste Börsen- und Gründungsschwindel ereignete sich Anfang der 1870er Jahre. Auslöser für den Gründerboom war der Sieg über Frankreich, durch den das vereinte Deutschland in die Riege der europäischen Großmächte aufstieg. Zudem musste Frankreich Reparationszahlungen in Höhe von fünf Milliarden Franc leisten. Diese wurden Zug um Zug gezahlt und sorgten so für Liquiditätsnachschub auf dem Kapitalmarkt, denn die Regierung nutzte die Mittel um Anleihen vorzeitig zurückzuzahlen und um große Staatsaufträge zu vergeben. Ende 1871 standen die Aktienkurse bereits um mehr als 50 Prozent über ihren Niveaus aus dem Jahr 1870. Zudem erleichterte die Regierung die AG-Gründung, da fortan keine Zulassung mehr notwendig war. Und es wurde fleissig gegründet, wie die Übersicht über die Firmengründungen in Preussen zeigt:
Zeitraum Anzahl der AG-Gründungen in Preußen
Vor 1800: 5
1800 bis 1870: 523
1871 bis 1872: 780
Quelle: Jörg Nimmergut – Historische Wertpapiere
Vor allem Banken wurden ab Mitte des Jahres 1871 in großer Zahl gegründet. Doch die Nachfrage war noch größer! So war die Aktie der Berliner Maklerbank bei ihrer Emission beispielsweise 326fach überzeichnet gewesen. Damals schrieb der Autor des Büchleins "Die Aussprüche Jerobeams oder das Geschäft mit den Aktien" abschätzig über die Emissionshäuser: "Wenn man sein Geld und seine Fähigkeiten verwenden will, so unternimmt man etwas in der Landwirtschaft, der Industrie oder dem Handel. Wenn man entweder mit seinem Geld oder mit seinen Fähigkeiten arbeiten will, so fäng man an zu spekulieren. Hat man weder das eine, noch das andere, so wird man Bankier, und das bringt am allermeisten ein." Alleine in Berlin wurden 1871 mehr als 100 neue Aktien an die Börse gebracht. In ganz Deutschland lag die Zahl der Börsenneulinge mit 265 sogar noch deutlich höher als in den Boomzeiten des Neuen Marktes. 1872 wagten noch einmal 167 Firmen den Gang an die Börse. Gleichzeitig wurde viel Geld durch Kapitalerhöhungen der bereits notierten Gesellschaften aufgesaugt. Deutschland war in nur drei Jahren vom völlig unbedeutenden Börsenplatz zum zweitwichtigsten Emissionsmarktplatz hinter England und noch vor den USA aufgestiegen.
Der Crash beginnt in Wien
Vom Boom in Deutschland lies sich auch Österreich anstecken. An der Wiener Börse wurden die Kurse im Frühjahr 1873 in der Hoffnung auf eine erfolgreiche Weltausstellung, die im Mai in Wien stattfiinden sollte, angetrieben. Doch die "Expo" wurde zum Flopp. Die ersten, eng mit der Weltausstellung verbundenen Firmen waren schnell ruiniert. Die Banken kündigten aus Angst vor Verlusten zahlreiche Kredite und gossen damit weiteres Öl ins Feuer. Am 8. Mai begann einer der folgenschwersten Kurseinbrüche der Wiener Börse. In Berlin störte der Zusammenbruch des Österreichischen Aktienmarktes zunächst nur wenig. Erst am 13. Mai kam es auch in Berlin zum Zusammenbruch. Die Geldquelle, die in Deutschland mehr als 1000 Firmen an die Börse geführt hat, war versiegt. Mit ein Grund hierfür waren erneut die französischen Reparationszahlungen: Sie wurden viel schneller als erwartet vollständig geleistet. Das führte dazu, dass der Boom verstärkt und der Einbruch noch verschärft wurden.
Unaufhaltsame Pleitewelle
Ähnlich wie am Neuen Markt drohte in der Folgezeit vielen Unternehmen das Aus. Alleine in den drei Jahren nach 1873 standen mehr als 180 börsennotierte Gesellschaften vor dem Bankrott. Betroffen waren vor allem Firmen, die im Boom verschwenderisch mit dem reichlich vorhandenen Geld umgingen. Auch waren zahlreiche Emissionsbanken betroffen. So musste bereits Anfang Oktober die Quistorp'sche Vereinsbank aufgeben, die besonders für ihre zwielichtigen Gründungen bekannt war. Die Emissionsbilanz war ernüchternd: Von den 27 vorbörslich gezeichneten Aktien brachte die Gesellschaft immerhin 21 an die Börse. Doch dann war die Bilanz eher bescheiden: Als die Quistorp'sche Vereinsbank ihre Zahlungsunfähigkeit bekannt gab, wurde bereits 14 der 27 Unternehmen keine Überlebenschance mehr eingeräumt. Und wie sah die Emissionsbilanz und der Wertegang einer Gonthard & Metallbank oder einer Goldzack am Neuen Markt aus? Nicht viel besser, wie wir heute wissen!
Tricksen und Täuschen
Schwindel war auch in den 1870er schon an der Tagesordnung. So schrieb der börsenkritische Journalist Otto Glagau 1876: "Im einsamen Thal entdeckt der Gründer (Erfinder) einen verlassenen Schornstein, und aus dieser Ruine machter er flugs eine – Maschinenfabrik." Glagau spottet weiter: "Des Gründers Phantasie macht aus einem Zimmermann, der Balken ausschält, ein Lieferungsgeschäft für Baumaterial; aus dem verwegenen Knaben, der eine Rakete steigen lässt, eine chemische Fabrik; und – nehmt Eure Wäscherinnen in Acht! Lasst sie nicht mehr alleine über die Strasse gehen, sonst macht sie der Gründer über Nacht zu einer Actien-Wäscherei." Ähnlich wie heute durch Enron, WorldCom und ComRoad wurde bereits damals das Vertrauen der Investoren zu tiefst erschüttert. Die Folge war eine schwere Depression, die noch bis in das Jahr 1878 andauerte.
Bücher zu dem Thema:
1) Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin, 1876
Otto Glagau
Nachdruck 2009
Preis: 59,90 Euro
2) Der Börsen- und Gründungsschwindel in Deutschland, 1877
Otto Glagau
Nachdruck 2009
Preis: 69,90 Euro
Die Versandkosten betragen pauschal 5 €
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