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Noch 28 Tage bis Weihnachten

Endlich Frieden auf Erden ... Gisela May



Wahre Weihnachtsgeschichten - mal stimmungsvoll, mal ernst und besinnlich, oft einfach fröhlich oder zum Heulen schön - eine Auswahl von 75 Zeitzeugen-Erinnerungen aus den 14 Bänden des Zeitgut-Verlages der Reihe "Unvergessene Weihnachten".


Winsen/Luhe, Landkreis Harburg, Niedersachsen; Weihnachten 1945
Endlich war Frieden auf Erden. Man brauchte keine Angst mehr zu haben vor dem monotonen Dröhnen der feindlichen Flugzeuge und ihren schrecklichen Bombenabwürfen. Man wartete nicht mehr auf ein Lebenszeichen von seinen Lieben an der Front, von einem Feldpostbrief zum anderen.

Meine jüngeren Brüder und mein Ehemann waren unversehrt heimgekehrt. Sicher hatte der Krieg manche große Lücke in den Familien hinterlassen und viele Schicksale von Vermißten und Kriegsgefangenen waren noch ungeklärt. Trotzdem, so froh und erleichtert wie in diesem Jahr waren wir schon lange nicht gewesen. Der Frieden war unser allergrößtes Geschenk.

Auch in meinem Elternhaus herrschte vorweihnachtliche Geschäftigkeit. Zu unserer siebenköpfigen Familie waren noch die Berneckers und Weitekats aus Ostpreußen dazugekommen. Es duftete nach fettlosem Weihnachtsgebäck, und nun schmorte der Weihnachtshase im Backofen. Wir zogen unseren Sonntagsstaat an und es wurde uns ganz feierlich zumute. Der Heilige Abend wurde durch die Christvesper in der Kirche im Nachbardorf eingeleitet. Bei dem klaren Wetter beschloß die große Familie, den drei Kilometer langen Weg dorthin zu Fuß zu gehen. Mutter und Vater blieben daheim. Hell schien der Mond und die Sterne leuchteten, jetzt war richtig Weihnachten für uns.

Auf halber Strecke kam uns ein einsamer Wanderer entgegen. Er trug einen Zivilmantel und hatte eine Baskenmütze auf dem Kopf, man konnte ihn beinahe für einen Franzosen halten. Wir vermuteten einen vor der Gefangenschaft geflüchteten deutschen Soldaten, und der Verdacht bestätigte sich auch. „Ach, können Sie mir sagen, wann der nächste Zug nach Zeven fährt?“, erkundigte er sich. Der Bahnhof befand sich in unserem Dorf und war noch etwa vier Kilometer entfernt. Der Zug fuhr gegen 20 Uhr und war der letzte an diesem Heiligen Abend. Wollte er den Zug noch erreichen, mußte er sich beeilen. „Wohin wollen Sie denn heute so spät?“, fragten wir. „Ich weiß noch nicht, irgendwo werde ich schon unterkommen“, antwortete er. Ganz spontan kam unser Angebot. „Dann kommen Sie doch
mit uns mit! Wir gehen erst zum Gottesdienst und dann geht’s zurück nach Hause.“

„Unser Soldat“ war im übernächsten Dorf bei seiner ehemaligen Freundin gewesen. Zu seinem Erstaunen war man an diesem Tag mit den Vorbereitungen ihrer Verlobung mit einem anderen Mann beschäftigt. Unter diesen Umständen konnte er dort auf keinen Fall bleiben. Er lief mit uns zu der
von Kerzen erleuchteten und mit zwei großen Tannenbäumen geschmückten Kirche. Verstohlen wischte er sich während des Gottesdienstes seine Tränen aus den Augen. „Oh du fröhliche, oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!“ Nach diesem schönen alten Weihnachtslied gingen wir erwartungsvoll nach Hause. Was wird unsere Mutter sagen, wenn wir noch einen Gast mitbringen?

Wir kannten sie, bei ihrer Gutmütigkeit konnten wir es wagen. Bei so vielen Leuten im Haus war auch noch Platz für eine weitere Person. Schnell wurden kleine Geschenke für unseren Gast zusammengetragen. Die Männer opferten einen Teil ihrer rationierten Zigaretten. Selbstgemachtes Persipan, Weihnachtsgebäck, Äpfel und sogar etliche Reichsmarkscheine kamen auf seinen Teller. Uns schien, als ob die Weihnachtslieder, von unserem Vater auf dem Klavier begleitet, lange nicht so froh geklungen hatten. Auch eine Schlafgelegenheit fand sich für unseren Soldaten auf der Chaiselongue.

Für alle Beteiligten war es wohl das eindruckvollste Weinnachtsfest, das je in unserem Hause gefeiert wurde. Der Soldat blieb noch etliche Wochen bei uns. Durch Beziehungen zu einem blinden Korbmacher gelang es uns, ei-nen neuen Anzug für ihn zu bekommen. Auch fand er in der nahegelegenen Mühle Arbeit. So richtig froh konnte er aber nicht werden, packte ihn doch das Heimweh nach seinen Angehörigen in Thüringen. Eines Tages machte er sich auf den Weg dorthin. Ein regelmäßiger Briefwechsel entstand aus dieser Freundschaft.

Als die Verhältnisse in der DDR immer unerträglicher wurden, stand unser Soldat 1955 eines Tages wieder bei unseren Eltern vor der Tür und wollte im Westen Fuß fassen. Nach mehreren Versuchen bekam er eine gute Stelle als Autoverkäufer in Bremen. Er konnte seine Familie, die er zu Hause gegründet hatte, nachholen und baute sich eine Existenz auf. Jedes Jahr zu Weihnachten bekamen meine Eltern einen großen Präsentkorb von ihm für sein Wunder am Heiligen Abend 1945 und für das schönste Weihnachtsfest in seinem Leben.

Unvergessene Weihnachten. Band 10

38 besinnliche und heitere Zeitzeugen-Erinnerungen
Zeitgut Verlag, Berlin
Preis: 11,90 Euro
ISBN: 978-3-86614-210-7
Taschenbuch-Ausgabe
Preis: 8,90 Euro
ISBN: 978-3-86614-211-4

 


Veröffentlicht am: 26.11.2021

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