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Noch 19 Tage bis Weihnachten

Das Geständnis... Regina Rühlemann



Wahre Weihnachtsgeschichten - mal stimmungsvoll, mal ernst und besinnlich, oft einfach fröhlich oder zum Heulen schön - eine Auswahl von 75 Zeitzeugen-Erinnerungen aus den 14 Bänden des Zeitgut-Verlages der Reihe "Unvergessene Weihnachten".


Ein Dorf in Mecklenburg; 1949
Dezember 1949 in Mecklenburg. Wie es aussah, würde es zu Weihnachten nicht einmal ein klitzekleines Geschenk geben. Mit großen Augen sahen die drei jüngeren Geschwister auf Reni, die große Schwester, als sie ihnen diese Tatsache begreiflich zu machen versuchte. „Nicht mal einen Weihnachtsbaum?“  

Reni zog die Schultern hoch. Sie wußte es auch nicht. Vor einem Vierteljahr war der Vater gestorben. Krank und gebrechlich war er aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause gekommen. Es grenzte schon an ein Wunder, daß er die Familie nach der Flucht aus Königsberg wiedergefunden hatte. Fast ein Jahr war er noch regelmäßig seiner Arbeit im Gemeindebüro nachgegangen und hatte Geld verdient. Aber Unglück schläft ja bekanntlich nicht, und es stellte sich heraus, daß er an Tbc erkrankt war. Von Tag zu Tag wurde er schwächer, bis er gar nicht mehr aufstehen konnte. Als die Mutter sich mit derselben Krankheit angesteckt hatte, war Reni gerade 14 Jahre alt. Nun mußte sie für die Mutter einspringen: Wäsche, Einkauf, Haushalt lasteten jetzt auf ihren Schultern. Und zur Schule mußte sie schließlich auch. Täglich war die Gemeindeschwester zum Vater gekommen und hatte ihn mit Medikamenten versorgt, die der Doktor verschrieben hatte. Aber es half nichts mehr.  Eines Tages, als Reni aus der Schule kam, war ein Auflauf vor ihrer Wohnungstür.

Was war denn nur passiert?  
Die Mutter lag im Bett und weinte. In der Kammer war der Vater zwischen zwei brennenden Kerzen aufgebahrt. In dem kleinen Ort nahmen die Nachbarn Anteil am Los der anderen. Eine Bekannte der Familie betreute in den ersten Tagen die jüngeren Geschwister. Zur Beerdigung konnte sich die Mutter kaum auf den Beinen halten, Reni und ihr Onkel trugen sie fast zur Tür hinaus.

Der Vater hatte Reni in einer Stunde, in der es ihm etwas besser ging, zu sich gerufen und ihr anvertraut, in der Innentasche seines Anzugs habe er sein gespartes Geld verborgen, denn einer Sparkasse vertraue er nicht mehr. Vierhundert Mark seien es. Wenn es mit ihm zu Ende gehe, solle sich die Familie damit über Wasser halten, bis es Halbwaisen- und Witwenrente geben würde. Viele Besucher waren während der Krankheit der Eltern bei ihnen ein- und ausgegangenen, und als der Vater starb, war keine Brieftasche mit Geld vorhanden. Das war hart!

Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht vom verschwundenen Geld durch den Ort. Wer konnte das genommen haben? Wem würde man so etwas zutrauen? Vielleicht war es nur verlegt?  Wieder sprangen die Nachbarn der Familie ein. Geld konnten sie nicht geben, sie hatten selber nicht viel. Mal kochte die eine, mal die andere Nachbarin Mittagessen für die Kinder. Das half schon. Der Bäcker schenkte ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit öfter mal ein Stück Brot. Herumsprechen durfte sich das nicht, das Brot gab es nur auf Brotmarken. Andere brachten mal eine spitze Tüte Zucker oder ein Glas selbstgekochte Marmelade, und ein Bauer aus dem Ort hatte manchmal eine Kanne Milch mit dicker Sahne obendrauf übrig. Oder es lag mal ein Stück Speck auf dem Küchentisch. Auch Wurstbrühe konnten die Kinder in einer Kanne bei demjenigen holen, der gerade geschlachtet hatte. Das war dann wie ein Festtag. War einmal gar nichts sonst im Haus, gab es gelbe Erbsen. Die hatte die Mutter gehortet.

Aber die Kinder mochten sie nicht, weil sie ein Loch hatten, in dem ein schwarzer Käfer saß. Reni wußte, wenn man die Erbsen überbrühte, schwammen die Käfer obenauf und man konnte sie abschöpfen, die Erbsen aber noch kochen und essen. Besonders lecker war das nicht, aber in der Not frißt der Teufel bekanntlich Fliegen.

Die Zeit verging. Vier Monate sind lang. Die Mutter kam kurz vor Weihnachten aus der Lungenheilstätte nach Hause. Sie war noch schwach, aber sie konnte schon wieder stricken. Abends, wenn die jüngeren Geschwister im Bett waren, räufelte sie mit Reni alte Pullover auf, um Mützen und Schals für die Kinder zu stricken. Darüber würden sie sich zu Weihnachten freuen. Und nun kam auch die Gemeindeschwester wieder ins Haus, dieses Mal zur Mutter. Die Not und Armut der Familie mußte sie wohl so berührt haben, daß sie der Mutter eines Tages unter Tränen gestand, daß sie in einer schwachen Stunde das Geld in Vaters Anzug gefunden und eingesteckt hatte. Die Mutter mußte ihr schwören, keiner Menschenseele im Dorf etwas von der Tat zu erzählen, sonst wäre sie erledigt gewesen, beruflich und privat, und müßte womöglich noch ins Gefängnis. Natürlich schwor die Mutter, keinem etwas davon zu sagen. Sie war ja heilfroh, daß die Sache so ausgegangen war, wenn es das Geld auch nur in Raten zurückgab.

Wieder ging es wie ein Lauffeuer durchs Dorf: Das Geld ist wieder da. Was hatte sich die Mutter ausgedacht?  Einfach zu sagen, es hat sich angefunden, hätte nach den monatelangen Aufregungen wohl kaum gereicht. Aber im gesamten Ort war die Erleichterung zu spüren.  

Nun konnte die Mutter beim Kaufmann die Schulden bezahlen. Er hatte längst nicht alles von den Lebensmittelmarken Gekaufte angeschrieben. Und das Schönste war, jetzt konnte sie ihren Kindern sogar etwas Süßes auf den Weihnachtsteller legen. Und einen kleinen Tannenbaum gab es auch.

Als Reni längst erwachsen war und nicht mehr im Ort wohnte, lüftete die Mutter das Geheimnis um das gestohlene Geld. Doch da lebte die Gemeindeschwester schon lange nicht mehr.

Unvergessene Weihnachten. Band 11

38 besinnliche und heitere Zeitzeugen-Erinnerungen
Zeitgut Verlag, Berlin
Preis: 11,90 Euro
ISBN: 978-3-86614-210-7
Taschenbuch-Ausgabe
Preis: 8,90 Euro
ISBN: 978-3-86614-211-4

 


Veröffentlicht am: 05.12.2021

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