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Noch 18 Tage bis Weihnachten

Die Jagd auf Rudolph ... Romano C. Failutti



Wahre Weihnachtsgeschichten - mal stimmungsvoll, mal ernst und besinnlich, oft einfach fröhlich oder zum Heulen schön - eine Auswahl von 75 Zeitzeugen-Erinnerungen aus den 14 Bänden des Zeitgut-Verlages der Reihe "Unvergessene Weihnachten".


Rinteln/Weser, Kreis Schaumburg, Niedersachsen; 2000
Nun bin ich der Opa eines prächtigen kleinen Burschen. Ich bin es mit Begeisterung! Und es ist erstaunlich, wie mich dieser Winzling verjüngt, ja, mich in Zeiten meiner Jugend zurückführt.

Also: Zu Weihnachten 2000 war unser Florian ein und ein halbes Jahr alt. Für diese Spanne erschien er uns schon recht groß und kräftig, munter, fröhlich und so lieb. Ich weiß und bin kritisch genug einzusehen, daß alle Eltern und Verwandten und besonders die Opas und Omas ihren Nachwuchs besonders gelungen finden. Aber Flori ist es wirklich! Und mit dieser Beschreibung will ich es auch bewenden lassen, sonst glaubt man noch, ich spinne.

In der Vorweihnachtszeit tat sich die Frage auf: Was schenkt man denn nun dem Kerlchen? Bei einem Spaziergang mit seiner Oma, also meiner Maria, entdeckten wir im Schaufenster einer Buchhandlung „Rudolph, das rotnasige Rentier“. Das, was den Schlitten des Weihnachtsmanns zieht und worüber Bing Crosby auf unserer Weihnachts-CD so nett trällert.  „Ach, sieh mal, ist das niedlich!“, rief Maria begeistert. „Das wäre doch etwas für unseren Kleinen!“ Das fand ich auch.

In dem Laden fragte mich die Verkäuferin: „Sind Sie Mitglied? Haben Sie eine Club-Karte?“ „Mitglied? Club-Karte?“, fragte ich zurück. Wo war ich denn da hineingeraten? Ja, erklärte die Dame, fast alles, was in ihrer Abteilung zu erwerben sei, wäre nur für Club-Mitglieder bestimmt, außer den Papier- und Schreibwaren. „Aber“, bot sie geschäftstüchtig an, „ich stelle Ihnen gern eine Club-Karte aus.“  Noch wo eintreten, das wollte ich nicht. Immer diese Verpflichtungen! Davon haben wir doch schon genug!

Ich überlegte. Dann erklärte ich Verständnis heischend: „Ich bin gerade Großvater geworden. Diesen Rudolph möchten meine Frau und ich gern unserem Enkelchen schenken. Ist es nicht ausnahmsweise möglich, das hübsche Plüsch-Rentier auf die Club-Karte eines Mitgliedes zu kaufen, das vielleicht schon gar nicht mehr weiß, was es bestellen soll und froh wäre, wenn es mal damit aussetzen könnte? Sonst muß ja irgend etwas abgenommen werden, was ihm gar nicht nützlich ist. Sicher kennen Sie so jemanden.“ Und ich argumentierte, wie ich meinte überzeugend: „Sie schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie helfen Ihrem Stamm-Kunden und Sie helfen uns. Wir werden Ihnen das nicht vergessen.“  

Die Dame blieb hart. Eine Klientel, die in ihrer tollen Auswahl nichts fände, habe sie nicht. Na, da hatte ich schon anderes gehört! Aber was sollte ich mich streiten. Ich dankte für ihre Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und geistige Beweglichkeit und zuckelte ab.
 
In den folgenden Tagen fragte ich in der Nachbarschaft und bei Bekannten herum, ob jemand in diesem Einkaufsverein sei und mir mit seiner Club-Karte diesen heißbegehrten Rudolph beschaffen könne. Ich glaube, die Leute fanden mich alle ganz reizend in meinem Opa-Bemühen, so, wie sie mich anlächelten. Sie hätten mir gern geholfen, allein, niemand von ihnen war ein „Mitglied“. Ja, früher einmal, sagten manche, aber schon lange nicht mehr. Leider. Und immer, wenn ich an dem
Laden vorbeikam, schaute ich sehnsüchtig nach dem rotnasigen Rentier, das, so schien es mir, ebenso sehnsüchtig zurückschaute. „Kauf mich! Nimm mich mit zu dem süßen, kleinen Florian“, schien es zu bitten. Aber drinnen waltete die hartherzige Verkäuferin, die kein Verständnis für den Traum eines frischgebackenen Großvaters aufbrachte und nur ihr Geschäft im Sinn hatte. Aber ich gab nicht auf!

Und jetzt kommt das, was ich meinte, als ich anfangs sagte, daß ich durch den kleinen Burschen wieder in die Zeit meiner Jugend zurückgeführt wurde – wenn auch aus anderem Antrieb: Wie damals in den 60er-Jahren in Berlin-Neukölln, wo ich einst wohnte, sprach ich fremde Mädchen und Frauen auf der Straße an. Mein liebstes Revier waren die Vergnügungstempel in der Hasenheide. Meine Mutter hatte mir zwar gesagt, so etwas gehöre sich ganz und gar nicht, jedoch entschuldigte ich mich bei den von mir mit einem gewissen Charme behelligten Damen damit, daß ich sie – je nachdem – so reizend, so schön oder so interessant fände. Und wenn ich die Gelegenheit und somit sie vorübergehen ließe, würden wir uns wahrscheinlich niemals wiedersehen. Das wäre doch schade!  

Meistens hatte ich damit Glück. Überdies erinnerte ich mich an den Schlager „Untern Linden, untern Linden, da spazier’n die Mägdelein. Wenn du Lust hast anzubinden, dann spaziere hinterdrein ...“ Das entschuldigt mich doch – oder?  

Wenn ich mich heute an diese aufregende Zeit erinnere, muß ich lächeln und sage mir, daß ich trotzdem ein ganz passabler Großvater geworden bin. Aber ich will mich nicht verplaudern. So komme ich zum Eigentlichen zurück: Eines Tages sah ich in dem „Rentier-Rudolph-Geschäft“ eine junge Kundin stehen. Um nicht von der Verkäuferin gesehen zu werden, trat ich in den danebenliegenden Hauseingang und wartete. Die Lady ließ sich Zeit. Und als sie endlich die Laden-Hüterin verließ, hatte sie einen solchen Schritt am Leib, daß ich Mühe hatte, ihr zu folgen, geschweige denn den Abstand zwischen uns zu verringern. Am Marktplatz verschwand sie in dem Zeitungs- und Lotto-Shop. Ich sah, daß sie Scheine ausfüllte und dann anstehen mußte. Ich stand draußen und verzehrte mich in ungeduldiger Erwartung. Schließlich kam sie heraus, und ich trat auf sie zu: „Entschuldigen Sie bitte, aber ich sah, daß Sie vorhin in dem Geschäft waren, in dem man nur kaufen kann, wenn man Mitglied ist ...“  

Sie sah mich überrascht und gespannt an. Knapp erzählte ich ihr, ich wäre jetzt ein Opa und wolle unbedingt für meinen Flori zu Weihnachten diesen „Rudolph, das Rentier“ haben, bekäme es aber nicht, weil ich kein Club-Angehöriger wäre. Ob sie so nett sein würde, es für mich mit ihrer Karte zu kaufen? Es solle ihr Schaden nicht sein. Gern würde ich mich erkenntlich zeigen. Sie lächelte sehr liebenswürdig und verständnisvoll und sagte mit Bedauern und leicht ausländischem Akzent, sie sei leider auch kein Mitglied dort. Sie habe nur freiverkäufliche Büromaterialien erworben. Ich hatte keine Zweifel: Sie hätte mir gern den Gefallen getan. Aber es sollte nicht sein.

Erneut mußte ich an diesem Rudolph im Schaufenster vorbei. Wieder war ein weibliches Wesen in dem Geschäft und ließ sich beraten. Wieder wartete ich lange auf sie. Als sie auf die Straße trat, hängte ich mich an sie an, paßte einen günstigen Augenblick ab und sagte mein Sprüchlein auf: „Entschuldigen Sie bitte, aber ...“  Die Frau sah mich an, als hätte ich ihr einen unsittlichen Antrag gemacht, dabei mülmte sie auf einem Kaugummi herum, was sie nicht gerade reizvoll und besonders sympathisch erscheinen ließ. Frauen, die andauernd und besonders in der Öffentlichkeit auf Kaugummis herumknautschen, törnen mich vollkommen ab. Sogar mich als Opa! Und wenn es die schnuckeligsten und tollsten Wesen wären. Aber darum ging es ja jetzt nicht. Ich wollte etwas von dieser Kaugummi-Frau, war Bittsteller – für Flori.  

Ihr Blick blieb abweisend. Deshalb trug ich meinen kleinen Wunsch erneut vor, geriet dabei ob ihrer Eiseskälte peinlicherweise etwas ins Stammeln.  Sie knurrte nur: „Nein!“ Und ging davon. Für mich, für Rudolph, für meinen Enkel Flori – keine Chance! Ich kehrte um und wollte mutlos nach Hause schleichen. Dazu mußte ich abermals diesen Laden passieren. Abermals erspähte ich eine junge Kundin durch die Scheibe. Na, noch ein Versuch, ein letzter!  

Ach, dauerte das, bis die Ersehnte ihr Geschäft getätigt hatte! Und dann überquerte sie gleich im Sturmschritt die Fahrbahn zur anderen Straßenseite. Dabei nestelte sie an ihren Jackentaschen, fischte sich eine Zigarette aus der zum Vorschein gekommenen Packung und hielt das Feuerzeug schon bereit. Husch!, war ich bei ihr und trug mein Anliegen in aller Artigkeit vor. Vor lauter Schreck stopfte sie ihren Glimmstengel – und zwar krumm und schief – erst einmal wieder in sein Behältnis zurück. Dabei starrte sie mich entgeistert an, daß mich irgendein schlechtes Gewissen, ich wußte nur nicht, was für eins, packte.  

Nein, sagte sie dann kurz, sie sei in keinem Klub und besitze keine Karte, sie habe etwas ganz anderes in dem Laden gewollt. Dann eilte sie weiter, und ich ließ sie eilen, denn ich hatte gemerkt: Jedes weitere Wort wäre zwecklos gewesen. Als ich nun betrübt heimwärts wandelte, überlegte ich, daß es doch seltsam war: Von den wenigen Besuchern dieses Ladens waren alle Frauen. Kein Mann hatte es betreten. In mir stieg der Gedanke auf, daß ich mit einem solchen bestimmt besser zurechtgekommen und wenigstens ein bißchen ins Plaudern gekommen wäre. Über Opas und Enkel und Weihnachtsgeschenke im Allgemeinen und im Besonderen.
 
Natürlich suchte ich in den Tagen darauf eine Reihe von Spielzeug-Geschäften auf. Aber leider hatten die alle keinen solchen „Rudolph, das Rentier“, wie ich ihn für unseren Florian haben wollte. Die mir vorgeführten Viecher waren alle nicht so hübsch, so voluminös, und sie sangen auch nicht, wenn man ihnen auf dem Bauch herumdrückte.

Jedoch, weil ich nicht aufhören konnte, mit allen möglichen Leuten darüber zu reden, gab mir jemand einige Tage vor dem Fest einen Tipp: Er habe in einem riesigen Markt,  zwar 30 Kilometer entfernt, der eigentlich ganz andere Dinge anbiete als Spielsachen, einen solchen Rudolph gesehen.  

Da sausten Maria und ich hin! Am Eingang stand eine große Grabbeltonne in der Männlein und Weiblein wühlten und grabbelten, und eine Frau hatte „unseren Rudolph“ in den Händen. Es war der letzte! „Och!“, sagte Maria enttäuscht.  Die Frau fragte: „Wollen Sie ihn haben? Ich habe ihn mir nur mal angesehen.“  Und da hatten wir unser Rentier! Endlich!

Am Heiligen Abend saß der Rudolph unter dem Weihnachtsbaum, sang uns allen von seiner roten Nase vor und die blinkte und flackerte, flackerte und blinkte ...  

Und das Schönste für uns war: Unser Flori staunte und guckte und guckte und staunte. Das war mir Lohn für das ganze Tamtam, was ich angestellt und wozu ich mich nicht entblödet hatte, um dieses lustige Rentier für unseren Kleinen zu, ja ich erlaube mir zu sagen, zu erjagen.

„Fröhliche Weihnachten, kleiner Mann – und allen Kindern dieser Welt“, flüsterte ich meinem Enkel in sein im Kerzenschein glänzendes Öhrchen. 

Foto: Zeitgut Verlag/Romano C. Failutti

Unvergessene Weihnachten. Band 11
38 besinnliche und heitere Zeitzeugen-Erinnerungen
Zeitgut Verlag, Berlin
Preis: 11,90 Euro
ISBN: 978-3-86614-210-7
Taschenbuch-Ausgabe
Preis: 8,90 Euro
ISBN: 978-3-86614-211-4

 


Veröffentlicht am: 06.12.2021

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