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Unvergessene Weihnachten - die zwölfte Geschichte

Zuhause (Diese Geschichte wurde leicht gekürzt) von Waldemar Siesing



Goslar am Harz, Niedersachsen; 20. Dezember 1949
Ein vorweihnachtlicher Tag, dieser 20. Dezember, wie es unzählige in einem Menschenleben gibt. Der Schnee fällt tanzend und leise aus den Ewigkeiten herab auf die Erde, ein rauher Wind weht, wie im Monat Dezember üblich, durch die Straßen.

Der vor dem Bahnhofsgebäude stehende Weihnachtsbaum verströmt Wärme durch seine vielen Kerzen, die leuchtend anzeigen, daß die Festtage nicht mehr weit sind. Der Bahnhofsvorplatz, ja die ganze Kaiserstadt Goslar, will strahlend die Menschen begrüßen, die aus allen Richtungen mit dem Zug nach hier kommen. Auch mich, den Spätheimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft.

Der Zeiger der Bahnhofsuhr deutet auf die sechste Abendstunde, als ich den Zug, der mich von Friedland hierher gebracht hat, verlasse. Die ersten Schritte auf dem Bahnsteig in völliger Freiheit übermannen mich. Nur ganz langsam gehe ich weiter, wie schwebend, schließlich die Treppe hinauf zur Bahnhofshalle. Menschen hasten an mir vorbei. Manche schauen mich mitleidig an, andere registrieren mich gar nicht, und wiederum andere entbieten mir einen liebenswürdigen Gruß. Ich nicke scheu zurück.

Die farbenfrohen Auslagen in den kleinen Geschäften im Bahnhof - die Bundesrepublik steckt noch in den Kinderschuhen - erwecken mein stärkstes Interesse, aber ich strebe dem Ausgang zu. Nervös suchen meine Augen die Umgebung ab, suchen meine Eltern, die ich von Friedland aus telegrafisch benachrichtigt habe, daß ich nach Hause komme. Ich spüre den Schauer, der über meinen Rücken läuft, höre mein Herz lauter als sonst schlagen, und ich fühle, wie sich Schweißperlen mit Freudentränen vermengen. Es kommt mir so vor, als liege ein Schleier auf meinen Augen. Die Vergangenheit, die Schmerzen beim Gehen - ich habe viele Geschwüre an Beinen und Armen -, meine körperliche Verfassung sind vergessen. Die Eltern nach vielen Jahren endlich wiederzusehen bläst alles Negative hinweg.
(…)
Die an mir vorbeilaufenden Menschen verunsichern mich immer mehr. Meine Eltern kann ich unter den vielen Passanten nach wie vor nicht entdecken. In diese für mich trostlose Situation steuert ein Beinamputierter sein Selbstbewegungsfahrzeug dicht an die Stufen, die zum Eingang der Bahnhofshalle führen, und spricht mich mit den Worten an, die ich im Leben nie mehr vergessen werde: "Kamerad, komm, ich bringe dich nach Hause."

Er bringt mich in die Wislicenusstraße 21, in das Haus, in dem meine Eltern und der Großvater wohnen. Zwei Kriegsramponierte an einem kalten Winterabend, einem Vorweihnachtstag, der im Grunde nichts Außergewöhnliches an sich hat. Für mich ist es der Tag, an dem ich zum zweiten Mal geboren werde.

Müde und abgekämpft schleppe ich mich die zwei Etagen nach oben zur Wohnung meiner Eltern. Mein Großvater empfängt mich mit stummem Entsetzen. Er findet keine Worte der Begrüßung, schaut mich nur fassungslos an, bis er nach einigem Gestotter herausbringt, daß meine Eltern am Bahnhof auf mich warten würden.

Schweigend sitzen wir uns dann am Tisch gegenüber. Großvater hat mich das letzte Mal gesehen, als ich zehn war und meine Sommerferien bei ihm in Stettin verbracht habe. Jetzt bin ich 27 und habe vier Jahre als Soldat und fünf Jahre Kriegsgefangenschaft hinter mir. Großvater ist 80 und für sein Alter quicklebendig. Was muß ihm durch den Kopf gehen, mich, seinen einzigen verbliebenen Enkel, in diesem Zustand zu sehen?
Endlich, nach langen, langen Minuten des Schweigens steht er auf und nimmt mich in seine Arme.

Ich bin Zuhause.

Dann Stimmen im Treppenflur. Bewohner aus den unteren Etagen haben meinen Eltern schon freudig mitgeteilt, daß ich oben in der Wohnung auf sie warte. Ich laufe ihnen, so gut ich es vermag, auf der Treppe entgegen und bleibe auf einer Halbetage vor den Eltern stehen. Alle Schmerzen und Strapazen, alle Schwachstellen des Körpers und des Herzens vergessend, halte ich meine vor Glück taumelnde Mutter in den Armen. Vor sechs Jahren habe ich sie zum letzten Mal in Magdeburg gesehen. Ein Sohn, mein jüngerer Bruder Wolfgang, war an der Westfront gefallen. Sie befürchtete, mich ebenfalls verloren zu haben, denn mein erstes Lebenszeichen aus der Kriegsgefangenschaft, eine Rote-Kreuz-Karte, erhielt sie erst Weihnachten 1946, für meine Mutter eine Ewigkeit des Bangens und Hoffens. Meinen Vater habe ich 1941 zum letzten Mal gesehen. Als Jugendlicher bin ich damals fortgegangen, als ausgemergelter junger Mann stehe ich jetzt vor ihnen.

Wir halten uns fest in den Armen, wollen uns nicht mehr loslassen, wollen in diesem Augenblick alles nachholen, was der furchtbare Krieg uns verwehrt hat. In den Freudentränen gehen alle Worte der Begrüßung unter.

Wie sie beim Abendessen erzählen, seien meine Eltern in der Bahnhofshalle immer auf und ab gegangen, hätten mich unter den vielen Menschen aber nicht gesehen. Ein späterer Blick in den Spiegel - während der Kriegsgefangenschaft habe ich nie einen Spiegel in der Hand gehabt - läßt vermuten, daß sie mich nicht erkannt haben. Mich dünnes Skelett, mehr vom Tode als vom Leben gezeichnet, das Gesicht voller Geschwüre und nur die verweinten Augen sprühen das Leben einer Jugend wieder, die durch alle Höhen und Tiefen dieser Zeit gegangen ist, sie sind trotz allem wach und hoffnungsfroh gestimmt.



Die Geschichte "Willis Heimkehr" ist in Band 3 der Buchreihe "Unvergessene Weihnachten" aus dem Zeitgutverlag Berlin (Preis:  8,90 Euro, ISBN 978-3-933336-73-6) erschienen.

Foto: Pixabay

 


Veröffentlicht am: 29.11.2022

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