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Unvergessene Weihnachten - die neunzehnte Geschichte

Der Weihnachtshase von Hilde Flexbei



Reichenau, Niederschlesien, heute Polen; Anfang der 40er Jahre

Es war an einem Heiligabend, als Großmutter nörgelte: „Heute wird’s wieder mal überhaupt nicht Tag. Alles grau in grau.“ Sie war ärgerlich. Zweimal schon hatte sie Großvater zum Frühstück gerufen.

„Ja, ja, ist gut!“ sagte er und ließ sie warten. Es blieb unklar, ob er seine Frau beschwichtigen wollte oder den Hund, den er eben gefüttert hatte. Er strich dem Hund noch einmal über das Fell und band ihm das Halsband um. Die Stubentür klinkte der Hund alleine auf, das konnte er gut. Er war rein närrisch vor Freude, daß es nach draußen ging. Großmutter hörte, wie ihr Mann die Haustür aufschloß. Der Hund schoß in den Garten, drehte sich ein paarmal um sich selbst, lief zum Haus zurück in der Erwartung, Großvater würde ihm folgen. Der winkte ab. Das verstand der Hund. Er verschwand im Nebel.
Da Großmutter einmal beim Nörgeln war, konnte sie nicht aufhören: „Mußt du den Hund dauernd stromern lassen!“

Großvater rückte sich umständlich auf der Ofenbank zurecht, wartete, bis Großmutter Kaffee eingegossen hatte und sagte: „Der geht nicht weit.“

Großmutter bezweifelte das. Als sie vor Jahren beschlossen hatten, einen Hund zu kaufen, hatte Großmutter zur Bedingung gemacht: einen kleinen. Sie hatte dabei so in etwa an einen Zwergrehpinscher gedacht. Dann schleppte Großvater den drei Monate alten Schäferhundwelpen an. Sie hatte sich dagegen verwahrt. Einem kleinen Hund habe sie zugestimmt. Großvater belehrte sie: „Das ist noch ein ganz kleiner. Du wirst dich wundern, wenn der ins Wachsen kommt.“

Das tat sie denn auch.

„Eines Tages fängt er noch an zu wildern“, äußerte Großmutter ihre Bedenken.
Großvater schnitt bedächtig mit dem Taschenmesser die Flechtsemmel in Stücke, die Kruste splitterte. „Mein Hund Mali wildert nicht!“

Großmutter hielt es für angebracht, das Thema zu wechseln. Ihr kam gelegen, daß vor dem Gartentor ein Motorrad hielt. „Der Nachbar bringt die Schlüssel.“ Großmutter war aufgestanden. Über den Gartenzaun hinweg nahm sie dem Nachbarn die Schlüssel ab. „Du hast dich also doch entschlossen, zu den Kindern zu fahren. Das machst du recht.“
„Wenn’s Wetter gerade noch so ist“, meinte der Nachbar, „es kann jeden Tag schneien. Morgen vormittag bin ich zurück. Ich habe am Kaninchenstall die äußere Tür einen Spalt offengelassen, sei so gut und schließ abends ab.“

„Mach ich.“ Großmutter sah ihm nach, bis er hinter der Waldecke verschwunden war.
Während sie in der Küche schaffte, versuchte Großvater im Keller, die krumme Fichte hinzubiegen, damit sie ihm als Weihnachtsbaum keine Schande mache. „So ein Krüppel“, murmelte er, „wäre ich nur bei Tage in den Busch gegangen oder hätte besser hingesehen.“
Großmutter stand wie erstarrt am Fenster: „Der Hund ...“
Da sah auch Großvater das Unheil. Im Vorgarten tobte der Hund mit einem Fellbündel umher, er beutelte es, schlug es sich um die Ohren, verbiß sich darin. „Jesses!“
Großvater hatte erkannt, daß das verdreckte Bündel, mit dem der Hund sich vergnügte, ein Kaninchen war.

„Von wegen, der wildert nicht“, schlußfolgerte Großmutter. Großvater sperrte den Hund in den Schuppen. Das tote Kaninchen wollte er auf den Küchentisch legen.
„Um Himmelswillen!“ entsetzte sich Großmutter. „Es kann doch tollwütig sein!“ Sie packte alle greifbaren Zeitungen darunter. „Nee“, behauptete Großvater, „tollwütig ist das nicht. Es ist der Zuchtrammler vom Nachbarn.“

Er hatte die Tätowierung im Ohr erkannt. Da war guter Rat teuer. Stumm saßen sie zu beiden Seiten des Tisches, zwischen ihnen – ebenso stumm – lag der Weihnachtshase. Da hatte ihnen der Nachbar Hab und Gut anvertraut und ausgerechnet durch sie kam er um seinen besten Blauen Wiener. Wie sollten sie ihm das nur beibringen?

Sie konnten sich ja mit dem Hund herausreden, aber das machte den Kaninchenmord nur noch komplizierter. Inzwischen hatten sie sich überzeugt, daß am Kaninchenstall außer der äußeren Tür auch die Tür zur Box offenstand. Die Box war leer. Wie denn auch nicht!
„Was mußtest du dem Hund beibringen, Türen zu öffnen“, warf Großmutter ihrem Mann vor.
„Hab’ ich nicht, da ist er von ganz allein drauf gekommen“, verteidigte sich Großvater.
„Mit meinem Rehpinscher wäre uns das jedenfalls nicht passiert!“ Diese kleine Genugtuung gönnte sich Großmutter.

Dann hatte sie eine Idee. Sie gingen ans Werk. Sie wuschen und putzten und striegelten das verschmutzte Kaninchen, das unter der derben Behandlung des Hundes arg gelitten hatte. Es war eine üble Tätigkeit, die Großmutter zweimal unterbrechen mußte.

Es begann zu dunkeln, als sie den Stallhasen zurücktrugen und ihn vorsichtig in seine Box setzten. An die hintere Wand gelehnt, den Kopf manierlich auf den Vorderpfoten, schien es, als blicke er dem Betrachter entgegen.

Am Abend hielt Großmutter dem Hund einen längeren Vortrag. Da sie dabei aber mit seiner Heilig-Abend-Leberwurst fuchtelte, wedelte er freudig mit dem Schwanz. Seine Welt war in Ordnung.

Über Nacht hatte es geschneit. Gegen Mittag sah Großmutter den Nachbarn kommen, hörte, wie er vor der Haustür den Schnee von den Füßen trat. „Karl!“ rief sie und dieser kam auch sofort. Er ließ sich in der Küche auf einen Stuhl fallen.

„Ich brauch’ einen Schnaps!“ stöhnte er. Nach dem dritten war er endlich in der Lage, über das zu sprechen, was ihn hergetrieben hatte. „Ihr werdet es nicht glauben, das kann auch kein Mensch verstehen! Gestern ist mir mein Zuchtrammler eingegangen, und ich habe ihn, ehe ich weggefahren bin, schnell noch vergraben. Unter den Johannisbeerbüschen. Und heute morgen – ja, bin ich denn noch normal?! – heute morgen sitzt er wieder im Stall!“

Jetzt brauchten auch Großvater und Großmutter einen Schnaps. Ihnen wurde schlagartig klar, daß der Hund das tote Kaninchen ausgebuddelt hatte und daß sie beide den schon begraben gewesenen Blauen Wiener geputzt und gestriegelt hatten. Großmutter mußte sich zurückziehen. Ihr wurde übel.

Als der Nachbar zwischen Korn und Bier Luft holen konnte, fuhr er fort: „Aber das ist ja noch nicht das Schlimmste! Der Kerl hat auch noch abgeschlossen hinter sich! Die Box war zu.“

„Na ja“, meinte Großvater bedächtig, „wir sind in den Zwölfnächten, da geschieht schon manchmal Wunderliches, aber ...“ Er kam an diesem Weihnachtsfeiertag nicht mehr dazu, weitere Erklärungen zu geben. Die Flasche mit dem Korn war leer und der Nachbar voll.



Die Geschichte "Der Weihnachtshase" ist in Band 4 der Buchreihe "Unvergessene Weihnachten" aus dem Zeitgutverlag Berlin (Preis:  8,90 Euro, ISBN 978-3-933336-73-6) erschienen.

Foto: Pixabay

 


Veröffentlicht am: 06.12.2022

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