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Der Kaufladen von Elisabeth Kirch-Schuster

Frößeln, Gemeinde Wipperfeld bei Wipperfürth, Nordrhein-Westfalen; Weihnachten 1935



Daß ich Weihnachten mit allem Drumherum jedes Jahr aufs Neue so intensiv erlebe, liegt vielleicht daran, daß ich am Heiligabend geboren bin. Wenn sich auch im Laufe der Zeit so vieles rund um das Fest verändert hat, bleibt doch das Wichtigste, der Sinn der Weihnacht, erhalten: Gott selbst ist aus Liebe zu uns in dieser Nacht Mensch geworden, und die Menschen sollten es ihm gleichtun.


Wann sich das Jahr der Weihnachtszeit zuneigte, erkannten wir damals an ganz anderen Vorzeichen als heute. Waren die Runkelrüben im Keller und die Stoppelrüben abgeerntet, ein Teil des Getreides gedroschen und der Weißkohl im Steintopf zu Sauerkraut eingelegt, war schließlich das Schwein geschlachtet, dann – ja, dann konnte Weihnachten werden.

Strümpfe, Socken, Handschuhe und Schals wurden gestrickt, und am Abend im Dunkeln wurde der Rosenkranz gebetet. Und Mama sagte fast täglich: „Kinder, wenn ihr nicht brav seid, bekommt ihr nichts vom Christkind.“

In einem Jahr, ich war sieben Jahre alt und meine Schwester Martha neun, wünschten wir uns zu Weihnachten zusammen einen Kaufladen. Wir hatten schon immer gern Kaufen und Verkaufen gespielt, mit allen Dingen, die es in unserem Haushalt gab. Bezahlt wurde mit Erbsen und Bohnen in verschiedenen Größen und Farben. Wenn wir fleißig den Rosenkranz beteten, so hieß es, würde sich unser Wunsch vielleicht erfüllen. Das wollten wir gern tun.

Nun schliefen wir zwar gemeinsam in einem breiten Bett, waren aber durch unsere Lebhaftigkeit am Tage abends so müde, daß wir viel zu schnell einschliefen. Unsere große Schwester dagegen blieb noch lange wach und betete viele Male. Da sannen wir auf einen Ausweg: Wir nahmen jeder eine Stecknadel mit ins Bett, und sobald eine von Müdigkeit übermannt wurde, pikste die andere sie mit der Nadel. So hielten wir uns gegenseitig munter und waren ganz stolz, bis Weihnachten mehr Rosenkränze geschafft zu haben als unsere ältere Schwester. Also hofften wir in kindlichem Glauben auf den Kaufladen vom Christkind.

Weihnachtsmorgen. Bescherung war erst nach der Christmette, die meistens morgens, ganz in der Früh, um 5 Uhr in unserer Pfarrkirche stattfand. Papa und Mama sangen mit uns gemeinsam ein Lied, dann machten wir uns als erstes über unseren bunten Teller her: Blankgeputzte Äpfel, Nüsse, selbstgebackene Plätzchen und ein Weckmann. Später gab es auch schon mal eine Tafel Schokolade oder eine Apfelsine, die wir beide uns teilen mußten. Dann sahen wir uns unsere Geschenke an. Hausschuhe hatten wir bekommen, und in jedem Paar lag vorn ein Rosenkranz aus bunten Glasperlen drin. Wir Mädchen hatten sogar alle drei ein neues, gleiches Kleid bekommen, darüber freuten wir uns sehr.

Plötzlich entdeckten wir zwischen unseren Tellern eine Kaufladenwaage mit niedlichen Gewichtssteinen. Suchend sahen wir uns um, denn wir glaubten, wo eine Waage ist, müßte auch ein Kaufladen sein. Wir schauten in alle Ecken: unter den Tisch, unter die Bank, hinter den Herd und neben den Schrank. Nichts, und wieder nichts!

Papa war gerade in den Stall gegangen, um die Tiere zu füttern, Mama befand sich im Schlafzimmer, um sich vom Kirchgang umzuziehen. Martha und ich liefen zu ihr hinein und bestürmten sie mit der Frage, wohin das Christkind unseren Kaufladen gestellt hätte. Da sagte sie fast tonlos: „Es reichte nicht für einen Kaufladen.“
Nun weinten wir beide los, denn wir dachten, sie meinte, all die Rosenkränze hätten nicht gereicht. Zu spät bemerkten wir, daß unsere Mama nur mühsam ein Schluchzen unterdrücken konnte.

In diesem Moment kam Papa hinzu. Mit rauher Stimme sagte er: „Jetzt hilft alles nichts, wir müssen es euch sagen. Das echte Christkind, den Gott, der für uns Mensch geworden ist, das gibt es, und dadurch werden wir alle reich beschenkt, aber das versteht ihr noch nicht richtig. – Jedenfalls, die Sachen auf dem Weihnachtstisch, die müssen wir kaufen, und dafür müssen Mama und ich hart arbeiten und sparsam leben; und für viele notwendige Anschaffungen reicht das Geld nicht. – Eigentlich wollte ich für Mama ein neues Kleid kaufen, stattdessen hat sie aus dem Stoff für euch Mädchen die neuen Kleider nähen lassen!“

Wir waren tief beschämt. Mit Kartons und allerhand Krimskrams spielten wir weiter Kauffrauen, natürlich nicht ohne die Waage vom Christkind.

Zwar waren wir um eine Illusion ärmer, aber es fiel uns von da an leichter, unsere Wünsche den gegebenen Umständen anzupassen. Und wir bemühten uns, mit selbstgefertigten Handarbeiten auch unsere Eltern zu beschenken.



Unvergessene Weihnachten. Band 1
38 Erinnerungen aus guten und aus schlechten Zeiten
Zeitgut Verlag Berlin  
Preis: 8,90 Euro
ISBN 978-3-933336-73-6

 


Veröffentlicht am: 01.12.2023

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