Startseite  

21.10.2017

 

 

Werbung

 

Vorherigen Artikel lesen Nächsten Artikel lesen

 

Im Gespräch: Bettina Hennig - schreibende Langschläferin

Jahrhundertelang galten sie als Taugenichtse. Jetzt räumt Bettina Hennig mit diesem Vorteil kräftig auf. Mit ihrem Plädoyer „Der frühe Vogel kann mich mal“ (Ullstein Verlag, 9,99 €, soeben erschienen) bricht sie eine Lanze für Langschläfer. Mehr noch: Sie befragte Schlafwissenschaftler, prominente Langschläfer und wagt eine Vorausschau in die Arbeitswelt 2020.

Ergebnis: Langschläfer liegen voll im Trend. Diese Erkenntnis bringt viele Berufsverbände und ganze Lehrerschaften gegen sie auf. Doch ihre Thesen scheinen ganz der Zeit zu entsprechen. Das Buch hat es ins Ranking der SPIEGEL-Bestsellercharts für Taschenbücher geschafft. Ein Gespräch über ausgeschlafene Mitarbeiter, Nachteulen, Lerchen und gebrochene Tabus.

Frau Hennig, wie kommt man eigentlich darauf, ein solches Buch zu schreiben?
BETTINA  HENNIG:
Ich war einfach total genervt von diesen ganzen Sprüchen, die ich mir morgens immer anhören muss, nur weil ich da noch nicht so fit bin. „Na, auch schon wach?“ Ständig will man mir weiß machen, dass ich faul, schlapp und träge bin. Dabei bin ich ein hochaktiver Mensch, der oft bis spät in die Nacht arbeitet. Nach meinem regulären Job setze ich mich nämlich nicht vor den Fernseher sondern an den Schreibtisch. Nur: Das sieht halt keiner.

Aber muss man das auf Grund dieser persönlichen Erfahrung denn gleich verallgemeinern?
BETTINA HENNIG:
Es sind eben keine individuellen Erfahrungen, sondern es ist ein kollektiver Missstand. Mehr als 65 Prozent der Bevölkerung sind tendenziell Langschläfer – was bei Behördenöffnungszeiten von 8 bis 16 Uhr ja bedeutet, dass auch jemand, der bis 8 Uhr schläft, schon als Langschläfer gilt. Und da wir uns immer öfter in geschlossenen Räumen und immer weniger häufig unter freiem Himmel aufhalten, verstärkt sich die gesamtgesellschaftliche Tendenz zum Eulentum. Dahingegen sind nur 15 Prozent Lerchen. Der Rest sind moderate Typen. Das heißt, dass eine Minderheit der Mehrheit ihre Regeln aufzwingen will.

Steckt Rechtfertigung oder mehr die eigene Bitte um Verständnis dahinter?
BETTINA  HENNIG:
Langschläfer müssen sich doch nicht rechtfertigen! Was können die denn dafür, dass die Welt noch so tickt wie zur Zeit der industriellen Revolution. Es gibt keinen Grund sich zu schämen. Denn Langschläfer sind die besseren Menschen. Sie sind nämlich keineswegs faul, müde, träge und lasch. Und sie verpennen schon gar nicht den ganzen Tag. Sondern sie sind kreativ, innovativ, toleranter als Lerchen, und sie sind auch besser im Bett.

Besser im Bett? Das müssen Sie uns bitte erklären.

BETTINA HENNIG:
Langschläfer laufen halt nachts zur Hochform auf. Sie verspüren keinen Schlafdruck. Deshalb halten sie länger durch. Frühaufsteher hingegen sind so disponiert, dass ihre beste Zeit für Höhepunkte am Morgen ist. Da aber klingelt der Wecker oder sie müssen noch schnell die Bahn oder den Bus erwischen. Unter diesen Bedingungen lässt es sich auf keinem Gebiet zur Meisterschaft bringen.

Das ist doch aber auch ein enormer Vorteil in der Arbeitswelt.
BETTINA HENNIG:
Wie meinen Sie das jetzt? Dass Meisterschaft im Bett von Vorteil für die Arbeitswelt ist? Nun, ja. Das ist doch eigentlich immer von Vorteil, nicht wahr? Wenn Sie aber darauf anspielen sollten, dass es von Vorteil ist, am Abend länger durchzuhalten, dann sage ich: Ja. In einer globalen Welt ist es eben nicht mehr nur von Vorteil früh aufstehen zu können, sondern eben auch bis in die Frühe aufbleiben zu können. Wer schlapp macht, wenn die Börse in Tokio öffnet, der wird im Bankgeschäft niemals Erfolg haben. Da etwa ist die Eigenschaft lange aufbleiben zu können, sehr gefragt.

Ist das ein Trend für die Arbeitswelt 2020 sein?

BETTINA HENNIG:
Jeder kann sein Leben nach der Lebens-, Arbeits- und Familienform ausrichten, die ihm am besten liegt. Kluge Unternehmen stellen ihre Schichtpläne nach chronobiologischen Typen zusammen. Das hat für alle den Vorteil, dass sie dann arbeiten können, wenn sie fit sind – und der Arbeitgeber bekommt von allen die beste Zeit. Das ist doch ’was! Außerdem: Da wir in einer Ära der Informationsverarbeitung leben, zudem die technischen Möglichkeiten flexibel eingesetzt werden können, sind wir nicht mehr an einen Ort gebunden. Wir könnten theoretisch arbeiten wann und wo wir wollen. Dazu bedarf es natürlich ein Umdenken – in der Arbeits- und in der Geschäftswelt.

Wenn jeder arbeiten kann, wann und wo er will, bricht dann nicht die Anarchie aus.

BETTINA HENNIG:
Das ist so eine typische Lerchen-Angst! Lerchen tendieren dazu zu denken, wenn nicht alles bis ins Detail geregelt ist, klappt nichts. Aber das stimmt nicht. Eulen sind erstens flexibel. Sie können sich umstellen. Und sie sind sozial und kommunikativ – sie werden das Gespräch mit ihren Kollegen schon suchen. Die halten es ohne Gesellschaft gar nicht aus.

Wie überzeugt man Arbeitgeber von einem solchen Arbeitsmodell?
BETTINA HENNIG:
Letztlich zeigen Erfahrungen mit flexiblen Arbeitsmodellen, dass die Menschen weniger oft krank sind und die Arbeit effektiver erledigen. Warum also nicht das ganze System ändern? Ich will nicht so weit gehen, wie in dem alten Spontispruch "Mach kaputt, was dich kaputt macht", das wäre zu destruktiv. Aber ich werbe für die Vorteile, die man in einer Gesellschaft hat, die flexibel ist und die Bedürfnisse aller chronologischen Typen integriert.

Wie weit sind wir denn schon?
BETTINA HENNIG:
Leider erst so weit, dass erst einmal Vorurteile gegenüber Langschläfern ausgeräumt werden müssen. Deshalb ja auch das Buch. Was heißt es schon, Langschläfer zu sein? Es heiß ja nicht, dass wir länger schlafen, sondern es heißt, dass wir länger in den Tag schlafen, vielleicht sogar bis in die Nacht arbeiten. Eulen sind nachtaktive Wesen!

Wie weit sind wir denn schon?
BETTINA HENNIG:
Ich glaube, dass eine starke Lobby von Politikern und Lehrern ein Umdenken verhindert. Lehrer sind typische Lerchen. Wer – außer ausgemachten Masochisten – entscheiden sich denn schon für einen Beruf, in dem man lebenslang gezwungen ist, ab acht Uhr morgens einer Meute aufgekratzter Schüler gegenüber zu stehen? Und wer bereits morgens um sechs Uhr dem Deutschlandfunk unfallfrei Interviews zur Bankenkrise geben kann, muss auch eine Lerche sein.

Wer kann etwas ändern?
BETTINA HENNIG:
Politiker und Lehrer hätten die Macht, das System zu ändern. Sie machen es aber nicht, weil sie selbst die Vorteile des bestehenden Systems genießen. Ich erinnere mich, an den mutigen Vorstoß des ehemaligen Ministerpräsidenten von Baden Württemberg Günter Oettinger. Er schlug vor, den Schulanfang von acht auf neun Uhr zu verlegen. Schlafforscher und Chronobiologen jubelten! Aber sein Vorstoß ist vom Deutschen Philologenverband niedergegrätscht worden. Solange solche Lobbies bestehen, sind Veränderungen harte Arbeit. Die Eulen müssen sich also zu einer Bewegung zusammenschließen – und für ihre Rechte kämpfen. Den Anfang hat bereits die dänische Ingenieurin Camilla Kring mit ihrer B-Society gemacht.

Gibt es denn prominente Langschäfer, die Ihnen im Kampf um die neue Schlafordnung beistehen könnten?

BETTINA HENNIG:
Es gibt viele. Mein Liebling ist Helmut Schmidt – er ist so preußisch korrekt und pflichtbewusst, dass man auf Anhieb denken könnte, er sei einer dieser pedantischen Frühaufsteher. Aber seine Frau Loki verriet mal einem Reporter: „Die Tragik unserer Ehe ist, dass ich ein Morgensinger bin, mein Mann eine Nachteule“. Helmut Schmidt – eine Nachteule. Das ist super, und beweist meine These: Nachteulen sind immer für Überraschungen gut.

Was passiert eigentlich mit Langschläfer, die ihr Leben lang früh aufstehen müssen?
BETTINA HENNIG:
Dauerhaft gegen die eigene innere Uhr leben zu müssen, macht krank, dick und dumm. Langschläfer, die in einen ungesunden Rhythmus gezwungen werden, fühlen so, wie jemand der einen Langstreckenflug hinter sich gebracht hat. Und das einmal pro Woche: Sie bauen im Laufe der Woche ein Schlafdefizit auf, am Wochenende versuchen sie ihren Rhythmus zu leben.

Was bedeutet das konkret?
BETTINA HENNIG:
Das bedeutet Stress, der sich in Krankheiten niederschlägt. In einen falschen Rhythmus gezwungene Schläfer haben ein erhöhtes Risiko an Diabetes mellitus Typ 2, Herz-Kreislaufbeschwerden, Bluthochdruck, Kurzatmigkeit, Arthrose, Gicht und Thrombose zu erkranken. Ebenso erhöht sich das Risiko an Krebs zu erkranken. Und man ist anfällig für Konsumgifte wie Alkohol und Nikotin. Außerdem lebt man gefährlich. Laut ADAC sind die meisten Unfälle im Berufsverkehr auf den so genannten Sekundenschlaf zurück zu führen. Ein Phänomen, das besonders bei der Zeitumstellung im Frühjahr, wenn uns eine Stunde „geklaut“ wird, für alle erkennbar ist – in dieser Phase sind alle aus dem Takt und prompt erhöht sich die Zahl der Verkehrsunfälle.

Welche gesellschaftlichen Folgen hat das generell?
BETTINA HENNIG:
Wenn die Mehrheit der Bevölkerung gegen seinen natürlichen Schlafrhythmus zu leben gezwungen ist, werden die individuellen Beeinträchtigungen zu Volkskrankheiten. Das hat fatale ökonomische Folgen. Anders gesagt: Wenn das Credo der Morgenstund, die Gold im Mund hat, auch für die gilt, die morgens nicht fit sind, dann mindert das deren Schaffenskraft. Hochgerechnet bedeutet das, dass nicht die volle Leistungsfähigkeit abgeschöpft wird. Flexible Arbeitsmodelle würden insgesamt also zu mehr Produktivität führen. Dann gibt es noch einen zeitlichen Aspekt. Weil alle zur gleichen Zeit etwas wollen, ballt sich die Bedürfnislage zu bestimmten Zeitpunkten. Etwa morgens: In einer entzerrten Arbeitswelt etwa gäbe es keine Staus mehr. Oder keine langen Schlangen an den Kassenschaltern zu bestimmten Stoßzeiten. Das Warten in der Kantine würde ebenso entfallen wie das morgendliche und abendliche Gehetze zur Kindertagesstätte. Eine Welt der Langschläfer ist entschleunigt – und damit wohltuend für alle.

 


Veröffentlicht am: 15.09.2011

AusdruckenArtikel drucken

LesenzeichenLesezeichen speichern

FeedbackMit uns Kontakt aufnehmen

NewsletterNewsletter bestellen und abbestellen

TwitterFolge uns auf Twitter

FacebookTeile diesen Beitrag auf Facebook

Hoch: Hoch zum Seitenanfang

Nächsten Artikel: lesen

Vorherigen Artikel: lesen

 

 


Werbung

 


Werbung

 


Werbung

 


Werbung

Neu auf genussmaenner.de


 

 
         
             
     
     
     

 

Service
Impressum
Kontakt
Mediadaten
Newsletter
Nutzungshinweise
Presse
Redaktion
RSS 
Sitemap
Suchen

 

Besuchen Sie auch diese Seiten in unserem Netzwerk
| Börsen-Lexikon
| fotomensch berlin - der Fotograf von genussmaenner.de
| Frauenfinanzseite
| Geld & Genuss
| geniesserinnen.de
| gentleman today - Edel geht die Welt zu Grunde
| instock
| marketingmensch | Agentur für Marketing, Werbung & Internet
| Unter der Lupe

 

Rechtliches
© 2007 - 2017 by genussmaenner.de, Berlin. Alle Rechte vorbehalten.

Lesezeichen:
 Del.icio.us Google Bookmark Reddit