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24.05.2017

 

 

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Gangwechsel

Die Schaltungssysteme am Velo

Die Kraft muss vom Pedal auf die Straße – doch welcher Fahrradantrieb eignet sich dafür am besten? Bei der Wahl des Schaltsystems kommt es auf den Einsatzzweck an. Der pressedienst-fahrrad gibt Hilfestellung.

Der Reiz eines Fahrrads liegt nicht zuletzt in seiner Einfachheit. Kein anderes Verkehrsmittel lässt uns mit so geringem Eigengewicht so effektiv vorankommen. Doch Leichtbau bedeutet immer auch Hightech, denn wenige Bauteile müssen hohe Antriebsleistungen übernehmen. Wie gut, dass verschiedene Hersteller ein breites Angebot ausgereifter Schaltsysteme produzieren: „Heutzutage findet man für jeden Einsatz das richtige Schaltungskonzept. Daher sollte man sich vor dem Kauf informieren und diverse Versionen Probe fahren. Wer clever wählt, hat lange Freude am neuen Rad“, weiß Florian Niklaus vom Hersteller Winora, dessen Sortiment Räder mit allen gängigen Schaltsystemen umfasst.

Sportlicher Klassiker: Die Kettenschaltung

Das flexibelste Schaltsystem ist die Kettenschaltung. Ihr offenliegendes Getriebe besteht aus einer Tretkurbel mit einem oder mehreren Kettenblättern sowie mehreren zu einer „Kassette“ zusammengefassten Zahnrädern am Hinterrad. Insgesamt sind so bis zu 33 Gangkombinationen technisch umsetzbar. Die Hauptrolle im Schaltsystem spielt die Kette, deren Position beim Schalten zwischen den einzelnen Zahnrädern wechselt. „Kein Antrieb vereint Systemgewicht und Effizienz so gut wie die Kettenschaltung. Das macht sie an sportlichen Rädern unersetzlich“, sagt Andreas Krajewski von Focus. Einen weiteren Vorteil biete das offene Getriebe mit der einfachen Zugänglichkeit seiner Komponenten: „Der Übersetzungsbereich ist durch den Tausch von Kettenblättern und Ritzeln individuell variabel.“

Doch nicht nur dem Radler oder Mechaniker wird der Zugang zum Getriebe leichtgemacht, auch Schmutz, Wasser und Straßensalz kommen ungewollt in Kontakt mit dem Antrieb. „Die Kettenschaltung verlangt nach regelmäßiger Pflege: Man muss sie putzen und schmieren“, weiß Dieter Schreiber, Deutschlandsprecher des Schmiermittelherstellers Finish Line.

Auch die mechanischen Belastungen auf die Kette, begünstigt durch den Schräglauf des Gliederstrangs in den verschieden Gängen, hinterlassen Spuren: „Die Kette längt sich und sollte nach Überschreiten eines kritischen Maßes – festgestellt per Verschleißmesslehre – gewechselt werden. Denn sonst schleift sie Kettenblätter und Ritzel auf die längere Teilung ein. Fängt die Kette dann an zu springen, müssen auch alle Zahnräder ausgetauscht werden, und das wird teuer“, so Schreiber weiter.

Clevere Alternative: 1×11-Antriebe

Die Gangkombinationen einer Kettenschaltung sind gegenläufig: An der Kurbel sorgt ein kleineres Kettenblatt für leichtere Gänge, am Hinterrad verhält es sich genau andersherum. Dadurch wird das Schalten kompliziert, ein einfaches „Schneller“ und „Langsamer“ gibt es nicht. Der Schaltungshersteller Sram wirkt dem entgegen und bietet seit einiger Zeit mit nur einem Kettenblatt eine clevere Alternative: Am Hinterrad ist eine besonders breit gespreizte Kassette mit elf Ritzeln montiert, die zehn bis 42 Zähne aufweisen. „Wir erreichen mit unseren 1×11-Schaltgruppen XX1, XO1 und X1 zwei Ziele: Schalten kennt nur noch zwei Richtungen, schwerer und leichter“, erläutert Tobias Erhard von Sram. „Zudem haben wir den Zähnen des einzelnen Kettenblatts eine neue Form verpasst, die Kettenabwürfe verhindert. Am Mountainbike ist das von immenser Bedeutung, denn man benötigt keine Kettenführung mehr.“ Der Verschleiß bei diesen Systemen ist ähnlich dem klassischer Kettenschaltungen.

Gekapselter Dauerläufer: Die Nabenschaltung

Wer geringere Wartungsintervalle wünscht, der sollte einen Blick auf Nabenschaltungen werfen. Hier befindet sich ein Planetengetriebe geschützt im Inneren des Nabengehäuses und gewährleistet so stets gut geschmierte Gangwechsel. „Die Zahnräder einer Nabenschaltung arbeiten unabhängig von Witterungseinflüssen, das macht dieses Antriebskonzept vor allem für den Alltags- und Ganzjahreseinsatz interessant“, erklärt Fachmann Erhard. „Der Wirkungsgrad einer Nabenschaltung liegt zwar unter dem einer gut gewarteten Kettenschaltung. Bei typischer Verschmutzung im täglichen Betrieb zieht die Nabenschaltung in Sachen Leichtlauf jedoch am Kettenschaltungssystem vorbei.“

Ein weiterer Vorteil: Nabengetriebe erlauben die Montage eines Kettenschutzes, der nicht nur die Kette, sondern auch die Kleidung schützt. Allerdings lassen sich die Getriebe nur in ihrer Primärübersetzung abstimmen – der Kombination aus Kettenblatt und Ritzel. Die Gangsprünge in der Nabe bleiben definiert. „Die Konzepte reichen von der Zweigangautomatik über die Klassiker Sieben- bzw. Achtgang bis zum robusten Dauerläufer mit 14 Gängen von Rohloff“, erläutert Stefan Stiener vom Radhersteller Velotraum, dessen umfangreiches Rahmensortiment für alle am Markt erhältlichen Schaltungssysteme ausgelegt ist. „Am weitesten verbreitet sind jedoch die Achtgang-Naben, wie wir sie zum Beispiel in Form der G8 im Programm haben“, ergänzt Erhard. Hier stimme die Balance aus Gangspektrum, Anschaffungskosten und Gewicht für den Alltagsbereich.

Belastbare Alternative: Das Tretlagergetriebe

Immer häufiger machen Tretlagerschaltungen von sich reden. Ähnlich einer Nabenschaltung arbeiten hier Planetengetriebe, sie sind jedoch im Tretlagerbereich montiert. „Dies beeinflusst die Gewichtsverteilung am Rad positiv, denn das Getriebe sitzt zentral und tief, was eine gute Fahrdynamik ergibt“, merkt Anke Namendorf vom niederländischen Hersteller Koga an. Vor allem Reiseräder sind mit Rahmengetrieben, wie zum Beispiel dem Pinion, ausgestattet. Bei Koga heißt das entsprechende Modell „World Traveller Pinion“ und verfügt über einen speziell entwickelten Rahmen. Denn ein Tretlagergetriebe lässt sich nicht nachrüsten.

Technischer Zukunftsbote: Die elektronische Schaltung


Allen mechanischen Schaltungen ist gemein, dass sie über Bowdenzüge betätigt werden. Diese Drahtseelen verlaufen teils frei, teils in Hüllen am Rahmen. Sind sie der Witterung über längere Zeit ausgesetzt, werden sie schwergängig. Diesen Nachteil beseitigen elektronische Schaltsysteme, die es für Naben- und für Kettenschaltungen gibt. Servomotoren übernehmen die Gangwechsel und werden von einer zentralen Batterie gespeist, die man erst nach mehr als 1.000 Kilometern Laufleistung aufladen muss. Am Lenker bzw. am Bremshebel befinden sich spezielle Taster, die leicht zu bedienen sind und den Schaltvorgang ohne mechanische Verluste auslösen. „Diese Technologie arbeitet bereits verlässlich, ist aber noch mit hohen Anschaffungskosten verbunden“, macht Stiener von Velotraum deutlich. Der Hersteller bietet zum Beispiel sein Modell „VK-8“ mit Rennlenker und elektronischer Elfgang-Nabenschaltung an. Auch am Rennrad werden vermehrt E-Schaltungen von Campagnolo und Shimano verbaut. Allerdings ist der Pflegeaufwand an Kette, Ritzel und Kettenblättern der gleiche wie bei einer mechanisch betätigten Kettenschaltung.

Minimalistisches Statement: Der Singlespeed-Antrieb


Wer nur ein Mindestmaß an Pflege aufbringen oder das Gelände stärker in den Waden spüren will, greift zum Singlespeed-Antrieb. Hier arbeiten nur ein Kettenblatt und ein Ritzel – es gibt nur einen Gang. „Singlespeeder sind sehr einfach und direkt zu fahren,“ weiß Stefan Scheitz vom Hersteller Felt, der mit dem Brougham ein hippes Eingang-Fahrrad im Programm hat. „An Steigungen kommt man ins Schwitzen und bergab kreisen die Beine schneller. Doch was auf den ersten Blick anstrengend wirkt, birgt einen großen Reiz: Wer nicht über die Gangwahl nachdenken muss, hat die Augen offen für die Umgebung“, so Scheitz weiter. Verschleiß tritt natürlich auch am Singlespeeder auf, jedoch können Kette, Ritzel und Kettenblatt robuster dimensioniert werden, da auf komplizierte Gangwechsel verzichtet werden kann.

Foto: www.pd-f.de / Kay Tkatzik

 


Veröffentlicht am: 16.05.2014

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