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Aufgespießt: Novembersplitter

Eine Rückbesinnung

(Helmut Harff / Chefredakteur) Die wohl spannendeste Zeit meines Lebens war die vom September bis November 1989. Damals, vor 25 Jahren war ich dem aktuellen Zeitgeschehen nie so nahe wie jemals davor oder danach. Damals spürte nicht nur Helmut Kohl den Atem der Geschichte. Auch mich streifte damals genau dieser Hauch.

Damals gehörte ich zum Landessprecherrat vom Neuen Forum. Jeden Tag gab es Diskussionen, Treffen mit Vertretern der Alternativen Liste (Grüne) aus Westberlin. Es wurden Aktionen geplant, verworfen und wieder geplant. Ich saß an einem Tisch mit Bärbel Bohley, Ingrid Köppke, Sebastian Pflugbeil, Werner Schulz und Reinhard Schult. Neben ganz aktuellen Fragen wurde vor allem darüber diskutiert, wie es mit der DDR weiter gehen sollte.

Wir wollten eine andere DDR. Wir wollten freie Wahlen, wollten Reise-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Wir wollten die Vorherrschaft der SED brechen und wir wollten Perestroika. Unser Vorbild war nicht Helmut Kohl sondern Michael Gorbatschow. Wir stritten darüber, ob es besser wäre, die DDR zu verlassen oder hier zu bleiben und etwas zu verändern. Von einer Vereinigung mit der BRD sprach nach meiner Erinnerung niemand. Ein gemeinsames Deutschland war allerhöchstens eine Zukunftsvision.

Wie war das damals für mich? Ich konnte aus familiären Gründen wann immer ich wollte in den Westen. Ich hatte also längst festgestellt, dass man auch dort nur mit Wasser kochte. Allerdings war mir auch klar, dass im Westen das Wasser besser schmeckte, besser aussah und nie knapp wurde - allerdings eher im übertragenen Sinn. Ich sah damals zum ersten Mal freiwillig und regelmäßig die Aktuelle Kamera - das Gegenstück zur Tagesschau. Überhaupt hatte in den wenigen Wochen das DDR-Fernsehen wohl die höchsten Einschaltquoten in seiner Geschichte.

Klar, man ging demonstrieren und in die Kirche. Ich war ja Angestellter bei der evangelischen Kirche im Berliner Ortsteil Friedrichshagen. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich Job und politische Arbeit unter einen Hut bekommen habe. An dieser Stelle ein Dank an meine Pfarrer und Kolleginnen, die mir den Spagat ermöglicht haben. Sie haben mir wirklich ermöglicht, einen ganz winzigen Beitrag zu leisten, dass sich in der DDR etwas bewegte.

Mir war damals - schon im September klar - dass die Honecker-DDR nicht überleben kann, nicht überleben wird. Deshalb nutzte ich meine seit langem geplante Ungarnreise im September auch nicht zur damals schon relativ einfachen Flucht in den Westen. Die Ungarn hatten ihre Grenze ja schon in Richtung Österreich geöffnet. Ich wollte dabei sein, wenn sich in dem Land etwas tut, dass mich eigentlich nicht wollte, mich ignorierte.

Die Zeit von September bis zum 3. November 1989 war die Zeit, die anfangs von Angst, aber auch von persönlicher Reisefreiheit geprägt war. Ich sehe noch die Gesichter der Grenzer vor mir, wenn ich - ein Kerl von 34 Jahren - mit einem Rentnerpass die Grenze passierte. Da gab es wohl kaum jemand, der mich nicht mit der Stasi in Verbindung gebracht hat. Die Geschichte ist jedoch ganz einfach: Ich war die Begleitperson für meinen im Rollstuhl sitzenden Vater.

Die Reisefreiheit blieb, die Angst wurde immer weniger. Spätestens seit Mitte Oktober hatte die DDR ihren Schrecken für mich verloren. Und dann kam die Demonstration am 4. November.

Doch das ist Thema für eine weitere Erinnerung.

 


Veröffentlicht am: 03.11.2014

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