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Morgengruß von Helmut Harff: 5. November

Wenig Wirtschaftskompetenz

Gestern zitierte ich an dieser Stelle den Slogan "Stasi in die Produktion". Damals, vor 25 Jahren, wurde er bejubelt. Gut ein Jahr später war der Jubel längst verklungen, der Slogan aber in vielen Fällen Realität geworden.

Die Damen und Herren von der Firma, wie die Staatssicherheit auch genannt wurde, hatten neue Jobs gefunden, waren in Lohn und Brot. Dagegen standen sehr viele ehemalige DDR-Bürger auf der Straße. Noch drohte nur die Arbeitslosigkeit, denn die meisten Betriebe waren noch nicht endgültig abgewickelt. Null-Stunden-Kurzarbeit war das Damoklesschwert, das über vielen Ostdeutschen schwebte. Dafür, so war immer häufiger zu hören, sind wir nicht auf die Straße gegangen.

Doch wofür sind die Menschen, bin ich auf die Straße gegangen? Ja, wir wollten eine andere DDR. Doch wie sollte es mit der DDR wirtschaftlich weitergehen? Wie sollten die Betriebe saniert und weltmarkfähig werden? Welches Wirtschaftssystem wollten wir? Sollte das sogenannte Volkseigentum in der bisherigen Art und Weise bestehen bleiben?

Dazu sah und hörte man weder auf den Montagsdemos in Leipzig noch auf denen in Plauen oder Berlin etwas. Auch in den Büros der Bürgerbewegten spielte dieses Thema wenn überhaupt eine absolut untergeordnete Rolle. Wollte man oder konnte man sich nicht um dieses so eminent wichtige Thema kümmern?

Ich glaube, es war beides. Wer sah da in diesem Büros? Geistliche, Wissenschaftler, Öko-Freaks, Freiheitsliebhaber, Künstler. Wirtschaftslenker, private Handwerker, Menschen aus der Verwaltung und dem Handel sah man kaum, ich möchte behaupten gar nicht. Den Bürgerbewegten vom Neuen Forum, von Demokratie Jetzt und was es noch an Zusammenschlüssen gab, fehlte einfach die Wirtschaftskompetenz. Und wenn mal - ich erinnere mich an eine Konferenz in der Kongresshalle am Alexanderplatz - darüber diskutiert wurde, kam nichts zählbares heraus. Zumindest sind mir wirtschaftspolitische Forderungen der Bürgerbewegten nicht in Erinnerung.

Die merkten allerdings ziemlich schnell, dass die neuen Besitzer der alten DDR-Betriebe lieber regimetreue Mitarbeiter beschäftigten, als solche, die schon einmal als aufmüpfig aufgefallen waren. Ruhe und Anpassung waren jetzt die erste Bürgerpflicht. Das führt dann dazu, dass sich viele Bürgerbewegte für den Weg in die Selbstständigkeit entschieden. Sie waren ja nicht dumm, waren in vielen Fällen sehr gut ausgebildet und hatten Ideen und Visionen.

Auch wenn man nicht wusste, wohin mit der DDR-Wirtschaft, so hatte man sehr schnell begriffen, dass es nicht schlecht ist, sein eigener Chef zu sein. Ich erinnere mich an eine Statistik aus den frühen 90er Jahren. Aus der ging hervor, dass unter denen, die sich nach der Wende im Osten selbstständig gemacht haben, überdurchschnittlich viele befanden, die sich zu den Bürgerbewegten zählten. Auch ich zählte damals zu jenen, die versuchten, auf eigenen Füßen zu stehen. Manchmal war es nur eine Schnapsidee, manchmal ging es gut. Ich fiel mal ganz mächtig auf die Nase, stand aber immer wieder auf.

Doch es ärgert mich bis heute, dass wir zwar als einzelne wussten, wie wir uns im Kapitalismus behaupten können, aber ansonsten wirtschaftspolitisch so kläglich versagt haben, wie es nur irgend möglich war. Auch in diesen Tagen, bei den Jubelfeiern zum 25. Jahrestages des Mauerfalls spielt die Frage nach einem möglichen wirtschaftlichen Überleben und dem wirtschaftlichen Umbau in einer dann demokratischen DDR - die Forderung der meisten Bürgerbewegten - kaum eine Rolle. Da wartet noch viel Arbeit auf die Historiker.

Ich mache mir jetzt mein Frühstück und spüle mein Unbehagen mit einer Tasse Kaffee herunter. Eigentlich reicht Kaffee dafür nicht aus. Doch Alkohol am Morgen - den trinken auch Journalisten nur so früh im Film.

Ihnen wünsche ich ein genussvolles Frühstück.

 


Veröffentlicht am: 05.11.2014

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