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24.03.2017

 

 

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Aufgespießt: Sie war zu Ende

(Helmut Harff / Chefredakteur) Heute vor 25 Jahren war die DDR schon (fast) Geschichte. Die Mauer war auf und nahezu jeder DDR-Bürger hat dazu seine ganz persönliche Geschichte zu erzählen. Ich kenne keinen damals schon bewusst Lebenden aus dem Osten, der sich nicht an den Mauerfall erinnern kann.

Bei mir war es so, dass ich in der Sitzung des Gemeindekirchenrates saß. Einer kam zu spät und entschuldigte sich damit, dass die Mauer offen sei. Man hörte ihm kaum zu und bat ihn sich zu setzten. Keiner hatte wohl begriffen, was der Zuspätkommer da gesagt hatte. Erst zuhause sah ich im Fernsehen was passiert war. Ich konnte noch life sehen, wie an der Bornholmer Brücke die Menschen in den Westen strömten.

Ich blieb an diesem Abend, dieser Nacht wie angenagelt vor dem Fernseher sitzen. Mal lachte ich, mal kullerten die Tränen, mal staunte ich ungläubig. Ich sah immer wieder die Bilder von der Pressekonferenz mit SED-Politbüromitglied Schabowski. Ich glaube ihm bis heute nicht, dass er nicht wusste, was er da sagte, als er auf Nachfrage meinte, dass die neue Reiseregelung sofort in Kraft trete.

Noch sah ich nicht ab, was da passiert war. Ich glaubte nicht, dass sich die DDR so einfach in ihr Schicksal ergab. Am 10. November wurde mir dann schnell klar, was die Maueröffnung bedeutet: Der Deckel vom auf höchster Stufe kochenden Dampfkochtopf DDR war offen. Der Druck war weg. Für mich war die Grenzöffnung so etwas wie die geschickteste Konterrevolution der Geschichte. Damals glaubte ich ja noch, dass das, was in der DDR gerade passierte, eine Revolution war. Heute sehe ich das anders.

Eines hatte Schabowski erreicht: Keine wollte mehr Revolution, alle wollten die D-Mark. Selbst im Büro vom Neuen Forum herrschte am 10. November 1989 gähnende Leere. Alle, so war irgendwo zu erfahren, sind in Westberlin. In Ostberlin herrschte Leere, in Westberlin fühlte man sich wohl wie beim Einmarsch der Hunnen. Nur dass die DDR-Bürger nicht plündernd durch die Straßen zogen, sondern stundenlang nach den 100 D-Mark Begrüßungsgeld anstanden und dann die Billigläden stürmten.

An dieser Stelle auch 25 Jahre später noch einmal ein dickes Dankeschön an alle, die damals nicht auf irgendwelche Arbeitszeiten, auf Lenkzeiten oder ähnliches achteten. Die eingemauerten Menschen der selbstständigen Einheit Berlin/West zeigten damals, zu wie viel Solidarität, zu wie viel Menschlichkeit die später als arrogante Wessi gescholtenen in der Lage sind.

Mein erster Besuch führte mich ins Café im Europacenter. Da arbeitete ein "rüber gemachter" Camping-Freund von mir als Kellner. Wir, meine damalige Frau und ich, kamen da an und mussten lachen. Auf einem Stuhl im Eingang stand ein Pappschild. Darauf war zu lesen "Sie werden platziert". Mein Freund erspähte uns und sorgte für einen Platz. Dann hörten wir, dass es keinen Kaffee gab. Steht das Europacenter plötzlich in Ostberlin, wollte ich wissen? Das war nicht der Fall, aber die Kaffeemaschine kaputt. Der Monteur kommt einfach nicht durch - zu viele Trabbis, Wartburgs und Ladas auf den Straßen.

Während ich darüber lachen konnte, verging es mir, als ich meine Landsleute unterhalb der Gedächtniskirche beobachtet. Dort wurde umsonst Essen ausgegeben - und die Ossis standen an, als ob sie seit Tagen nichts zu beißen hatten. Doch sie löffelten nur etwas von der Gulaschsuppe, dann ließen sie den Teller fallen, um sich am nächsten Stand etwas anderes zu holen. Auf der Straße sah es aus, als wenn eine Rotte Wildschweine gewütet hätte. Ich schämte mich und war froh, dass ich an meiner Kleidung nicht als Ossi (damals gab es diesen Begriff wohl noch nicht) zu erkennen war.

Noch einmal zu Herrn Schabowski: Mit der Öffnung der DDR-Grenze hat er wohl vielen seiner Genossen den Hals gerettet. Zumindest sorgte er dafür, dass die Verantwortlichen in der DDR in der Regel relativ weich gefallen sind. Doch das ist auf jeden Fall tausendmal besser, als wenn auch noch Blut geflossen wäre.

 


Veröffentlicht am: 10.11.2014

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