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Aufgespießt: Leitkulturen

Wie viele gibt es bei uns?

(Helmut Harff / Chefredakteur) Ich war dieser Tage wieder einmal zu einem Konzert im Berliner Konzerthaus. Auf dem Programm stand Brahms. Das Haus am Berliner Gendarmenmarkt war bis auf den letzten Platz gefüllt. Brahms interessierte das Bildungsbürgertum. Brahms, dass scheint, so ging es mir durch den Kopf, zur deutschen Leitkultur zu gehören.

Dass ich ausgerechnet diesen umstrittenen Begriff im Kopf hatte, lag wahrscheinlich an einer in dieser Situation nicht neuen Beobachtung. Unter den Gästen waren zahlreiche Menschen asiatischen Aussehens. Das ist nicht ungewöhnlich. Genauso wenig gewöhnlich ist es allerdings, dass ich niemand sah, dessen Aussehen darauf schließen lässt, dass er Moslem ist. Wobei ich eher auf Frauen mit Kopftuch achtete, denn Männern sieht man genauso wenig wie westlich gekleideten Frauen ihre Religion an. Doch Kopftuchträgerinnen, Muslima sah ich nicht. Wie gesagt, ist es mir schon häufiger in Konzerten und Theateraufführungen aufgefallen, dass Kopftuchträgerinnen dort nicht zu finden sind.

Können die mit Brahms, mit westlichen Künstlern, mit der so viele diskutierten deutschen Leitkultur nichts anfangen? Der Verdacht liegt zumindest nahe. Der Preis für eine Konzertkarte kann es wohl kaum sein. Schließlich gehören viele Menschen moslemischen Glaubens in Berlin durchaus zur Mittelschicht. Ich weiß nicht, warum Brahms oder wer auch immer zur Aufführung kommt, eine ganze Gruppe von Menschen nicht interessiert. Vielleicht tue ich den Muslimen auch unrecht und es waren viele im Konzert - nur nicht mit äußerlich sichtbaren Zeichen ihrer Religionszugehörigkeit.

Andererseits scheinen wir Deutschen auch ganz in unserer Leitkultur verhaftet zu sein. Ich sah letztens einen Bericht über einen Pop-Barden aus dem arabischen Kulturkreis. Ich hatte von ihm noch nie gehört und mir fast folgerichtig seinen Namen auch nicht gemerkt. Der charismatische Sänger soll 30 Millionen Tonträger verkauft haben und auch in Deutschland ganze Stadien füllen. Da, so der Filmbeitrag, sucht man dann allerdings Deutsche nahezu vergebens. Der Tenor des Beitrags: Hier ist ein unwahrscheinlich erfolgreicher Künstler, der bei seinen Auftritten Tausende begeistert und dessen Lieder viele Menschen hierzulande mitsingen können, den aber von uns nichtmuslimischen Deutschen so gut wie keiner kennt.

In welche Richtung soll man nun seine Vorwürfe richten? In beide. Wir wissen einfach zu wenig von einander, gehen uns zu viel aus dem Weg, leben nebeneinander her und sind alles andere als neugierig aufeinander. Das ist - hier nehme ich mich überhaupt nicht aus - traurig. Klar, muss man sich auf die jeweils andere Kultur einlassen. Doch wieso sind Gastspiele der Pekingoper, warum sind die Konzerte von Jugendorchestern aus aller Welt während der Young Euro Classic in Berlin ausverkauft, doch zu Auftritten von Pop-Künstlern aus der arabischen Welt verirrt sich kaum einer, der keine arabischen Wurzeln hat. Gibt es wirklich zwei Leitkulturen in unserer Gesellschaft?

Ich befürchte, dass es nicht nur zwei, sondern sogar drei Leitkulturen gibt. Denn Konzerte, wie das von mir besuchte, sind – nimmt man den Altersdurchschnitt der Besucher – reine Seniorenveranstaltung. Ja, es gibt auch Menschen unter 40, die in klassische Konzerte gehen. Ich glaube allerdings, dass einst mehr Rentner zur Loveparade gepilgert sind, als dass es heute junge Leute in klassische Konzerte verschlägt.

Doch vielleicht ist das auch ganz normal so. Man braucht ein gewisses Maß an Lebenserfahrung, um Brahms und Co. genießen zu können. Diese Musik bleibt ja, die Zeit von Clubs, von angesagter Jugendmusik ist endlich. Das ist nicht nur bei der Musik so. Wein- oder Whiskykenner sind die wenigsten mit 20 oder 30. In jungen Jahren weiß man auch keine gute Zigarre zu schätzen und man kommt kaum auf die Idee, für ein Stück Rindfleisch 100 und mehr Euro auf den Tisch zulegen. Genuss, genießen können, das ist etwas, was wachsen muss.

Ich bin auch überzeugt davon, dass unsere Neugier auf die Kultur des jeweils anderen wachsen wird. Wie haben wir noch vor Jahrzehnten die Nase gerümpft, uns angewidert abgewandt, wenn jemand nach Knoblauch gerochen hat. Und heute? Da gehört Knobi ganz selbstverständlich in nahezu jede deutsche Küche.

Das lässt doch hoffen.

 


Veröffentlicht am: 23.02.2015

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