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12.12.2017

 

 

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Urban Living

Flexible Möbel und Mikrowohnen in der Komfortzone 2.0

„Urban Living“, die städtische Lebensweise, ist für den Großteil der Menschheit das Maß aller Dinge. Für die einen die Verheißung auf ein besseres Leben, für die anderen auf Individualität und Selbstständigkeit.

Leben im urbanen Raum ist teuer. Wenn Wohnraum knapper wird, Wohnbereiche ineinanderfließen und Möbel immer häufiger die Wohnzonen definieren, wächst die Bedeutung der Ausstattung.

Es ist wie mit jeder anderen Ressource auch: Wenn Wohnraum knapper wird, muss er effizienter genutzt werden. Wer sich kompakt einrichten will oder muss, hat die Wahl zwischen individuellen Raumsparmöbeln und dem Einzug in ein fertiges, aber immobiles Raummöbel. Nichts anderes ist das im Trend liegende Mikroapartment. Schon die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky erkannte in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts, dass die Einheit von Raum und Möbel die vielleicht ergonomischste und ökonomischste Art der Einrichtung darstellt. Die Folge war der Siegeszug der so genannten Frankfurter Küche – der Urmutter aller Einbauküchen.

Der derzeitige Boom von Mikroapartments in den Großstädten deutet auf eine Renaissance des möblierten Wohnens hin. Damit sind nicht nur neue Raumkonzepte gefragt, sondern auch neue Designkonzepte für multifunktionale und raumsparende Möbel.

Aus mitteleuropäischer Perspektive ist die Aussicht auf ein Leben in multifunktionalen Wohnzellen wie der des fiktiven Taxifahrers Korben Dallas, verkörpert durch Bruce Willis in Luc Bessons Science-Fiction-Thriller „Das fünfte Element“ (1997), wohl eher eine Horrorvorstellung. Doch aktuell erfährt das Mikro-Apartment eine Umdeutung – weg vom Image der improvisierten Studentenbude hin zur komfortablen Wohn-Suite: in einfacher, zweckmäßiger Ausstattung für chronisch auf Wohnungssuche befindliche Studenten, in luxuriöser Variante für pendelnde Manager und zeitwohnende Job-Hopper.

Die WG ist ein Konzept von gestern – es lebe das Mikro-Apartment

Immobilienunternehmen und Projektentwickler fangen gerade erst an, dieses profitable Geschäftsmodell für sich zu entdecken. In Berlin (Alexander Tower, Studio B, The Fizz u.a.m.), Köln (Quartillion) oder Amsterdam entstehen derzeit Vorzeigeprojekte von billig bis luxuriös. Für die Ausstattung solcher Apartments mit multifunktionalen und wandelbaren Möbeln sind konstruktive Elemente wie Beschläge und Leichtbauelemente von essentieller Bedeutung. Möbeltechnik wird zum entscheidenden Innovator für diese neue Wohnwelt, in der der Beschlag das Möbel definiert. So jedenfalls sieht es der deutsche Beschlagspezialist Häfele, der auf der interzum 2017 das Denkmodell Häfele Concept für flexibles Wohnen und Arbeiten auf kleinem Raum vorstellte: ein Studenten- und ein Business-Apartment, bestehend aus industriell im modularen Rastermaß gefertigten Möbeln. Das Beispiel zeigt, wie eng künftig Möbel- und Bauindustrie in einzelnen Bereichen zusammenarbeiten werden.

Dass es nicht immer ein Einbausystem oder ein Funktionsblock in einem Mikroapartment sein muss, zeigt die 2017 auf der imm cologne präsentierte Studie des Designers Michael Hilgers: Bei „work-dress“ verwandelt sich ein anscheinend normaler Kleiderschrank im Handumdrehen in einen komfortablen, ausfahrbaren Arbeitsplatz inklusive Rollcontainer. Der Berliner Designer ist bekannt für seine intelligenten Raumsparlösungen. Sein für Müller Möbelwerkstätten entwickelter Flatmate etwa ist mit seinen 0,9 qm Grundfläche der wohl kleinste voll ausgestattete Sekretär überhaupt.

Doch kaum wurde der Trend zum Mikro-Apartment ausgerufen, in dem sich die „Digital Nomads“ unbeschwert von unnötigen Möbeln und belastendem Besitz in ihr aus- und wieder einklappbares Nest zurückziehen können, ohne ständig ans Putzen und Repräsentieren denken zu müssen – da wird der Trend auch schon wieder zurückgepfiffen: Glaubt man einer kürzlich von Ernst&Young veröffentlichten Studie, träumt die Generation Y nicht so sehr vom minimalistischen Leben eines modernen Nomaden als von Familienglück im eigenen Häuschen.

Stadt oder Land – (nicht nur) eine Frage des Geldbeutels

Der Traum hat jedoch einen Haken: Denn das Wunschobjekt sollte nicht nur irgendwo am Stadtrand liegen – mit mehr Raumangebot, Sicherheits-Feeling, der Natur vor der Haustür sowie idealerweise guter Anbindung an die Stadt –, sondern auch bezahlbar sein. Deshalb hat laut den Demoskopen sogar das Land gerade bei jungen Familien wieder Chancen. Denn auch in den Randbezirken der Städte wird bezahlbarer Wohnraum knapp. New York, London und Paris machen es vor, Berlin zieht fleißig nach, und rund um München und Hamburg wird schon seit Jahren gebaut, was die Wiese hergibt.

Die dicker werdenden Speckgürtel bieten dabei jüngeren, digital vernetzten Familien-Typen eine Perspektive, die der Überschaubarkeit und der guten Infrastruktur dünner besiedelter Regionen den Vorzug vor der Verdichtung von Raum, Kulturangebot, Lärm und sozialem Netzwerk geben. Und so wird die Entscheidung zwischen Land und Stadt auch irgendwie zu einer Entscheidung zwischen Kommune und Community. Immer vorausgesetzt, das Glasfaserkabel liegt schon. Dann steht auch der Landhausküche und der Wohnlandschaft in XXL nichts mehr im Wege.

Flexibel, multifunktional, digital: das Möbel der Zukunft

Für alle anderen entwickelt die Industrie derzeit fleißig Mini-Küchen, die der berühmten Frankfurter Küche in Sachen Ergonomie und beweglichen Elementen haushoch überlegen sind. Ja, sogar die Sauna in Schrankformat gibt es schon: Aktuell ist die 2016 auf dem Markt eingeschlagene Sauna S1 von Klafs in einer noch kleineren XS-Version herausgekommen. Auf nur 142 cm Breite lässt sich die Sauna wie ein Zoom-Objekt von 60 cm auf 160 cm Tiefe erweitern – in nur 16 Sekunden.

Waren Raumspartricks wie das Schrankbett oder das Drehkarussell für Töpfe früher nur in Kinderzimmer und Küche zu finden, wird jetzt die komplette Wohnung auf bisher unerschlossene Weiten erforscht: Ob Apothekerschrank oder klappbarer Frisiertisch für das Badezimmer, zusammenklappbares Komfortbett oder platzoptimierter Kleiderschrank – alle Register werden gezogen. Dabei werden die mechanischen Bewegungsabläufe vielfach durch Motoren unterstützt und somit per App oder Sprachsteuerung bedienbar gemacht. Im Zuge dessen werden Oberschränke auf Zuruf automatisch geöffnet oder schwer zugängliche Nischen mit einer Bewegung zum Platzwunder befördert.

Auch bei Sofas – kleinen wie großen – rückt mit der Digitalisierung das Thema Ergonomie weiter in den Vordergrund: Hier kann die Armlehne geklappt und dort die Rückenlehne an den Grad der Müdigkeit angepasst werden.

Damit wird selbst der schmalste Flur zum Home-Office, der kleinste Raum zum multifunktionalen Wohn-/Ess- und Arbeitszimmer, die Raumnische zum Schlafzimmer, hohe Raumdecken zum Raumwunder und große Räume dank auf Maß bestellbarer und als Raumtrenner fungierender Schränke zur Zweiraum-Wohnung. Mit der Smart Home-Technologie und der entsprechend bedienbaren Mechanisierung der Möbel entwickeln sich nicht nur große Häuser, sondern auch kleine Großstadt-Apartments sowie umgenutzter Büro- und Gewerberaum zur Komfortzone 2.0.

In einer schrumpfenden Welt haben Raumsparkonzepte Konjunktur

Drei Viertel der Deutschen leben bereits in Städten – Tendenz langsam steigend. Dabei entwickeln sich einzelne Zentren wie Leipzig und Frankfurt so dynamisch, dass die Stadtentwickler kaum mitkommen und über Wohnungsmangel klagen. Gleichwohl steht Deutschland mit seinem Urbanisierungsgrad von rund 75,5 % (2016) immer noch „nur“ im statistischen Mittelfeld Europas (Quelle: Statista). In Frankreich (79,5%), Spanien (79,8%) und Großbritannien (82,84%) sind es schon mehr, und über die skandinavischen Länder bis hinauf zu den Benelux-Staaten steigt der Anteil der in Städten lebenden Bevölkerung auf satte 97,9% (Belgien). Weltweit hat Nordamerika den höchsten Urbanisierungsgrad (81%), während die Bewohner Asiens (46) und Afrikas (40) noch mehrheitlich in ländlichen Regionen leben – ein Zukunftsmarkt also für kompakte Möbelkonzepte für urbanes Wohnen?

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wird es jedenfalls schon 2030 weltweit 43 Megastädte geben, und bis 2050 werden über 70% der Weltbevölkerung im urbanen Raum leben. Hinzu kommt: Die Weltbevölkerung wächst – die Erde nicht. Auch in Deutschland werden laut der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung in 40 Jahren ungefähr 83% der Menschen in Ballungszentren wohnen.

Und damit führt kein Weg dran vorbei: Der Wohnraum pro Person wird knapper, selbst wenn die durchschnittliche Wohnungsgröße dank wachsender Speckgürtel-Sättigung leicht ansteigt: Mehr Singles (junge und alte), mehr Alleinerziehende, mehr Familien müssen oder wollen in immer kleiner werdenden Stadtwohnungen klarkommen. Und nicht nur Studenten, auch alleinstehende Besserverdiener wohnen gern zentral und genießen die Infrastruktur an Arbeit, sozialen Netzwerken, Co-Working-Spaces, Gastronomie, Entertainment und Kultur.

Erfolgskonzept der Skandinavier: Mehr Lifestyle auf weniger Raum

Tatsächlich ist schon seit ein, zwei Jahren ein deutlicher Trend zu kleineren Solitärmöbeln zu beobachten. Gerade die skandinavischen Möbelmarken zeigen vermehrt Cocktail- statt großer Lounge-Sessel, intime Zweisitzer-Sofas statt XXL-Sofas und bescheiden dimensionierte Arbeitstische auf zierlichen Füßen. Nicht nur eine Frage der Ästhetik, denn der in der skandinavischen Designkultur angelegte Pragmatismus passt einfach in die Zeit. Vielleicht auch deshalb sind ihre Möbel und Lifestyle-Konzepte derzeit so angesagt. Denn sie verknüpfen das Notwendige mit dem Angenehmen und geben dem Gebot der Reduktion einen gemütlichen, menschlichen Anstrich.

Urbanisierungstrend, demographischer Wandel und die zeitgleich durchschlagende Digitalisierung verstärken sich gegenseitig in ihrem Einfluss auf unsere Wohnkultur, die sich in den nächsten Dekaden wohl nachhaltig verändern wird. Mit vielfältigen Konzepten und multifunktionalen Produkten, die Raum und Möbel enger als Einheit definieren werden.

 


Veröffentlicht am: 28.11.2017

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