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21.09.2019

 

 


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Kinderräder im Osternest

... zwischen Alltag und Sportgerät

Wenn Kinder in die Schule kommen, beginnt für sie nicht nur der oft zitierte „Ernst des Lebens“, sondern sie werden auch zu täglichen Verkehrsteilnehmern.

Ab einer Laufradgröße von 20 Zoll wird ein Fahrrad ein richtiges Fahrzeug, das unter die Regelungen der StVZO fällt. Alles was kleiner ist, zählt als Spiel‐ und Freizeitgefährt, muss also keine Lichtanlage oder Klingel haben. Eltern stehen bei der Wahl vor der Gewissensfrage: Was für ein Rad soll es sein? Sportlich, leicht und cool – oder lieber komplett ausgestattet für mehr Sicherheit?

Größe und Können entscheiden

Kaufentscheidend sind in erster Linie zwei Faktoren: Die Maße des Kindes (also Körpergröße und Innenbeinlänge) sowie das Fahrkönnen. Das Kindesalter sollte hingegen bei der Auswahl keine Rolle spielen, da jedes Kind sich anders entwickelt und Körpergrößen sehr unterschiedlich ausfallen. Die Maße liefern deshalb den genaueren Überblick, welche Laufrad‐ und Rahmengröße benötigt werden. In der Regel beginnen die Räder im Grundschulalter bei 20 Zoll, für größere Kinder kommen Laufradgrößen von 24 oder 26 Zoll in Betracht.

Zur besseren Orientierung geben die Hersteller die Mindest‐ und Maximalkörpergröße für das jeweilige Radmodell an. Dabei kann es passieren, dass für ein Kind mit einer Körpergröße von 125 Zentimetern theoretisch sowohl ein 20‐ als auch ein 24‐Zöller geeignet ist. Gerne ist bei der Kaufberatung dann das Argument „da wächst er/sie ja noch rein“ zu hören und das größere Rad wird gewählt. Dies ist zwar verständlich, aber dennoch falsch. Denn Eltern sollten nicht den Geldbeutel im Auge haben, sondern dass ihr Kind im Alltag mit Freude und Stolz zum Rad greift – was es bei einem zu großen Rad nicht tut.

Deutlicher wird das, wenn man den zweiten Faktor, das Fahrkönnen, betrachtet. Guido Meitler vom Kinderfahrzeugspezialisten Puky führt aus: „Das Fahren mit einem zu großen Rad kann gefährlich sein. Aspekte wie vom Sattel aus den Fuß absetzen zu können, die Bremsgriffe zu erreichen und den Lenker in Kurven unter Kontrolle zu behalten, sind zentral. Das gilt für Erwachsene genauso wie für Kinder. Gerade wenn die Kinder noch wenig Erfahrung gemacht haben, ist ein kleineres Rad zu empfehlen, das dem Kind zusätzliche Sicherheit vermittelt.“

Die ehrliche Einschätzung der Eltern ist beim Fachhändler durch eine Probefahrt zu untermauern. Der Experte erkennt in der Regel, ob sich das Kind das Fahren mit einem ausgewählten Rad zutraut. Jedoch sind gerade Kinder bei der Auswahl von Optik und Marken gesteuert. Deshalb ist ihre Meinung bei der Kaufentscheidung mit einzubeziehen und eine gemeinschaftliche Lösung zu finden. Wenn sich das Kind sichtbar unwohl fühlt, nicht gleich das erste passende Rad nehmen, sondern nach Alternativen schauen.

Gewicht spielt eine Rolle

Ein Kinderrad sollte in erster Linie möglichst leicht, dabei aber stabil und sicher sein. Manche Modelle sind jedoch leider schwerer als Erwachsenenräder. Wobei es einem Kind mit rund 20 Kilogramm Körpergewicht deutlich schwerer fällt, ein 15‐Kilo‐Rad zu bewegen. Je geringer das Gewicht des Rades, desto mehr Spaß macht es. Jedoch darf man hier nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Ein Fahrrad wird dadurch leicht, dass viele Anbauteile weggelassen werden, wie Lichtanlage, Schutzbleche und Reflektoren. Ein sportliches Kindermountainbike wiegt deshalb deutlich weniger als ein vollausgestattetes Alltagsrad.

„Vor dem Kauf müssen Eltern gemeinsam mit dem Kind entscheiden, was der Einsatzzweck des Rades sein soll“, rät Meitler. Die unterschiedlichen Ausstattungen der Räder haben dabei ihre Vor‐ und Nachteile, je nach Einsatzzweck. Eine mögliche Lösung ist ein „Kompromissrad“. „Die Kinder wollen es sportlich, die Eltern lieber sicher. Am Ende trifft man sich in der Mitte. Ein sportliches Rad mit Vollausstattung, das sich für den Schulweg und den Wochenendausflug eignet, wie unser neues ‚Furios‘“, berichtet Volker Dohrmann von Stevens Bikes.

Rücktritt oder Handbremsen?

Für das Mehr an Sicherheit setzen Eltern gerne auf eine Rücktrittbremse. Im Notfall kann das Kind damit intuitiv bremsen und auch beim Abbiegen muss keine Hand von der Bremse genommen werden. Doch der Rücktritt hat auch Nachteile: Die Nabe ist deutlich schwerer, was sich auf das Gesamtgewicht auswirkt. „Außerdem lässt sich eine Rücktrittbremse schlechter dosieren und erschwert das Anfahren, da die Pedale nicht im Stand verstellt werden können“, weiß Daniel Gareus von Cosmic Sports, Vertriebspartner des britischen Kinderradherstellers Early Rider. Viele Hersteller setzen bei Kinderrädern bereits nur auf Handbremsen, da diese sich angeblich besser dosieren lassen und ihre sichere Bedienung auch für die Radfahrzukunft wichtig sind.

„An Erwachsenenrädern gibt es nur noch sehr selten Rücktritt. Die Kinder müssen sich eh irgendwann umstellen. Sie sollten also bereits in jungen Jahren den richtigen Umgang mit Bremshebeln lernen“, stimmt Philipp Martin vom Sportradhersteller Cannondale zu, dessen Unternehmen auf Rücktrittbremsen verzichtet. Kritik gibt es an der reinen Handbremsvariante, da Kinder oftmals die Vorderradbremse nicht richtig dosieren können, was zu einem Wegrutschen des Rades führen kann. „In erster Linie sollte das Kind entscheiden, womit es sich sicherer fühlt“, so Jasmin Schindelmann vom Hersteller Winora.

Federung nur für den Trail

Ein vollgefedertes Kinder‐Mountainbike wirkt optisch zwar sportlich ansprechend, bringt aber in Realität nur Nachteile. Ein Federungssystem, das bei dem geringen Fahrergewicht sensibel anspricht, lässt sich nur mit Komponenten der oberen Preisklasse herstellen. Speziell die Systeme an günstigen Baumarkt‐ und Discounter‐Rädern, bei denen gerne Federelemente als optisches Kaufargument verbaut sind, können keine Wirkung entfalten, ganz abgesehen von funktional oftmals fragwürdigen Konstruktionen.

Ganz im Gegenteil: Sie machen das Kinderrad sogar schwerer, teurer und wartungsintensiver. „Eine Federgabel ist erst ab Mountainbikes mit 24‐Zoll‐Laufrädern sinnvoll. Auf Vollfederung ist gänzlich zu verzichten“, meint Experte Meitler. Sinnvollen Fahrkomfort in jungen Jahren bieten hingegen Ballonreifen mit dem richtigen Luftdruck oder ein ergonomischer Sattel.

Richtig sitzen, kurbeln und schalten

Die richtige Sitzhöhe ist mitentscheidend, dass sich Kinder ergonomisch korrekt fortbewegen können. „Doch es ist nicht so einfach, die passende Sitzhöhe zu finden. Eltern möchten, dass die Beine der Kinder schnell auf die Straße kommen und stellen den Sitz deshalb möglichst niedrig ein. Das erschwert allerdings das ergonomisch korrekte Pedalieren“, weiß Volker Dohrmann. Er weiß: Je tiefer der Sattel, desto kleiner der Kniewinkel im oberen Totpunkt. Abhilfe schaffen deshalb kindgerechte Tretkurbeln. „Kurze Kurbeln gleichen einen tiefen Sattel besser aus, zu lange können hingegen für Knieschmerzen sorgen“, unterstützt Meitler. In Kombination mit einer Einfach‐Schaltung mit nur einem Kettenblatt ergibt sich ein ergonomisch stimmiges Gesamtpaket. „Antriebe mit bis zu drei Kettenblättern vergrößern den Pedalabstand und erschweren das Pedalieren für Kinder. Zudem sind sie wartungsintensiver und Kinder kommen mit den überschneidenden Gangsprüngen durcheinander“, erklärt Philipp Martin.

Oliver Elsenbach vom Kompetenzzentrum Sport in Köln ergänzt: „Um Schäden zu vermeiden, sollte die Tretbewegung möglichst ökonomisch ausgeführt werden. Daher ist es aus unserer Sicht absolut richtig, auf die passende Kurbellänge, moderate, intuitiv zu bedienende Übersetzungen und einen möglichst geringen Pedalabstand zu achten.“ Der Fachmann war an der Entwicklung der neuen Kinder‐Mountainbike‐Marke Eightshot beteiligt, zu deren Markenzeichen eine kindgerechte Ergonomie zählt.

Schutz für Kette und Hose

Für Diskussionen sorgt auch die Relevanz eines Kettenkastens. Bei Rädern mit Nabenschaltung wird er oft verbaut. „Der Schutz soll verhindern, dass sich Kleidung im Antrieb verhakt und das Kind dadurch stürzt“, so Winora‐Sprecherin Schindelmann. Hinzu kommt, dass der geschlossene Kettenkasten laut Meitler bei der Prüfnorm ISO 8098 bei Kinderrädern mit einer Sattelhöhe von 435 bis 635 Millimetern vorgeschrieben sei. Er benötigt allerdings mehr Platz, was wiederum den Pedalabstand vergrößert.

„Viele Eltern bauen den Kettenschutz einfach ab, wenn er kaputtgeht oder klappert. Rechtlich gesehen müssten Kinder in diesem Fall über die Gefahren von eingeklemmter Kleidung aufgeklärt werden. Im Falle eines durch den fehlenden Kettenkasten entstandenen Unfalls haften die Eltern“, erläutert Claudia Schulze‐Domnick von der Rechtsagentur Bikeright. „Ein Riemenantrieb anstelle einer Kette macht zwar einen der beiden Gründe für den Kettenkasten am Kinderrad obsolet: Er ist sauber und muss nicht geölt werden. Einen Schutz müsste man aus versicherungstechnischer Sicht aber trotzdem verbauen“, überlegt Frank Schneider von Gates Deutschland.

Licht dran – oder ab?

Dynamobeleuchtung ist seit 2013 nicht mehr verpflichtend – selbst an Kinderrädern. Das spart Gewicht, denn Akku‐Beleuchtung lässt sich abnehmen. Qualitativ steht sie Dynamoanlagen in nichts nach. „Wir raten dennoch dazu, an Kinderrädern eine fest installierte Lichtanlage zu nutzen“, verweist Sebastian Göttling vom Lichtspezialisten Busch & Müller und begründet: „Kindern fehlt der Weitblick, den Akku‐Stand im Auge zu behalten. Im Notfall stehen sie ohne Licht da.“ Weiterhin würden Kinder das Front‐ und Rücklicht oft zu Hause oder am Rad vergessen, wo sie dann schnell abhanden kommen. Bei Nabendynamos sorgt zudem die Möglichkeit des Tagfahrlichts für mehr Sichtbarkeit im Straßenverkehr, was für Kinder enorm wichtig ist. Eine Einschaltautomatik sorgt dafür, dass das Anmachen nicht vergessen wird. Ein weiteres Manko der sportlichen Räder: Während das Licht noch einfach nachrüstbar ist, fehlen meist aus Gewichtsgründen zusätzlich die StVZO‐vorgeschriebenen Reflektoren. „Wenn das Kind das Rad meist für den Schulweg nutzt, muss es komplett verkehrssicher sein. Da kommt man an Reflektoren nicht vorbei“, sagt Göttling.

Weitere Anbauteile stehen zur Diskussion

Das Für und Wider findet sich auch bei anderen Anbauteilen, z. B. beim Seitenständer. Die Regel beim Fahrradabstellen lautet bekanntlich: Nicht nur ab‐, sondern auch anschließen. Das gilt insbesondere für Kinderräder, die abgesperrt leicht weggetragen werden können. Ein Seitenständer verleitet hingegen dazu, das Rad einfach abzustellen und nur abzuschließen. Andererseits ist ein Ständer hilfreich, damit Kinder das Rad nicht einfach auf den Boden fallen lassen. Ob ein Gepäckträger gebraucht wird, steht ebenfalls zur Diskussion. Der Anbau ist schwer und auf dem Schulweg tragen Kinder einen Schulrucksack meist auf den Schultern. Für den Transport von Bällen gibt es bereits individuelle Lösungen wie spezielle Ballhalter, z. B. von Fahrer Berlin. Andererseits ist es besser, den Ranzen in einem passenden Korb am Gepäckträger zu transportieren. Das Kind ist dadurch in der Bewegung freier und kann besser über die Schulter blicken. Ergo ist es sicherer unterwegs. Schutzbleche schlagen auf das Gewicht, sind aber für ein Alltagsrad unumgänglich, da oft bei Regen gefahren werden muss.

Zu guter Letzt: Der Preis

Oft scheitert die Anschaffung des passenden Kinderrades am Preis. Das ist aber nicht notwendig. Der Neukauf eines hochwertigen Rades kann zwar schnell ins Geld gehen, dafür erzielen die Räder einen hohen Wiederverkaufswert und lassen sich auch über mehrere Generationen fahren. Puky bietet z. B. eine übertragbare Fünfjahresgarantie an. Im Gegenzug gibt es einen großen Gebrauchtmarkt auf Flohmärkten, im Internet oder im Freundeskreis, wo man sich passende Kinderräder günstiger besorgen kann.

Grundsätzlich wichtig ist, dass das Kind sich mit dem Fahrrad wohlfühlt, denn nur dann fährt es auch gerne damit. Deshalb ist eine gute Beratung beim Fachhändler wichtig. Da aber im Frühjahr die Läden meist voll sind und die Beratungszeit verständlicherweise leidet, ist der Fahrradkauf wenn möglich eher auf einen anderen Termin zu legen. Dann kann sich ein guter Verkäufer auch mehr Zeit für eine ausführlichere Beratung nehmen.

Foto: www.puky.de | pd-f

 


Veröffentlicht am: 22.02.2019

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