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14.07.2020

 

 


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Müssen Autoparkplätze jetzt Fahrrädern weichen?

Ja, meint Andreas Hombach vom Fahrradparkanbieter WSM im Interview

[pd‑f/tg] Der Radverkehr ist auf dem Vormarsch. Corona und Klimawandel fördern ein Umdenken in der Bevölkerung zu einer klimafreundlichen Individual-Mobilität. Parkraum für Fahrräder ist in vielen Innenstädten immer noch knapp – dabei jedoch ein wesentlicher Bestandteil für die Verkehrswende.

Warum Andreas Hombach vom Fahrradparkanbieter WSM das „Jahrzehnt des Fahrradparkens in Deutschland“ erwartet, erklärt er im Interview mit dem pressedienst-fahrrad.

Herr Hombach, zum Planen von Fahrradabstellanlagen arbeitet das Unternehmen WSM eng mit vielen Kommunen zusammen. Wie reagieren die kommunalen Vertreter aktuell auf das Thema Radverkehr und auf den gesteigerten Radverkehrsanteil?
Andreas Hombach:
Es zeigt sich eine Diskrepanz. Die Corona-Phase brachte mehr Menschen aufs Rad – was uns natürlich freut. Auf Verwaltungsebene war die Zeit hingegen ein Rückschlag. In vielen Kommunen wurden Mitarbeiter aus den Planungsbüros zur Eindämmung der Pandemie in andere Bereiche abgezogen. Das war natürlich richtig und wichtig. Diese Leute fehlen aber aktuell, um das heiße Thema Radverkehr und nötige Investitionen anzugehen. Radverkehr muss richtig geplant werden, damit er erfolgreich funktioniert – dafür braucht es Verkehrsplaner. Positiv stimmt mich, dass viele Kommunen neue Mobilitätsmanager suchen. Wenn die ihren Job richtig machen, dann kommen sie am Radverkehr – auch aufgrund des aktuellen Booms – nicht vorbei. Es ist also nicht so, dass die Kommunen keinen Bock auf Radverkehr haben, es fehlen schlichtweg die Leute.

Scheiterte die Verkehrswende bislang also nur an mangelndem Personal und gibt es auch andere Gründe?
Andreas Hombach:
In den letzten Monaten arbeiteten auch die Bauunternehmen unter Volllast. Die hatten überhaupt keine Kapazitäten für neue Aufträge frei. Das könnte sich jetzt durch Corona etwas ändern. Hinzu kam eine mangelnde Akzeptanz in der Bevölkerung. Wir haben beim Radverkehr eine Art Henne-Ei-Diskussion. Es hieß immer: ‚Warum wird der Radweg gebaut? Es fährt doch eh keiner Rad.‘ Aber erst die Infrastruktur fördert den Radverkehr und die Leute beginnen, sie zu nutzen. Wenn die Kommunen die Zahl der Autos auf den Straßen reduzieren wollen, müssen sie zuerst eine gute Fahrradinfrastruktur schaffen. Gerade im urbanen Bereich ist das Fahrrad auf Distanzen bis zu zehn Kilometern das schnellste Verkehrsmittel.

Fließender Radverkehr ist das eine, aber ein alltäglich bekanntes Problem ist, einen passenden Abstellort für das Fahrrad zu finden …
Andreas Hombach:
Das ist korrekt. Es bringt nichts, die Fahrräder nur in die Innenstadt zu bekommen, wenn sie nicht abgestellt werden können. Das hat auch die Politik erkannt. Dieser Tage wurde ein Ergebnispapier des Arbeitskreises zum Nationalen Radverkehrsplan 3.0 veröffentlicht, der unter Federführung des Bundesverkehrsministeriums steht. Darin enthalten sind u. a. konkrete Fördermaßnahmen zum Thema Fahrradparken, die bis 2030 umgesetzt werden sollen. Bund, Länder und Kommunen bekunden, mit gutem Beispiel voranzugehen und wollen auf öffentlichen Plätzen flächendeckend moderne Fahrradabstellanlagen bauen. Dazu soll es auch Vorgaben für die Qualität der Anlagen geben. Fahrradparkhäuser, smarte Abstellanlagen und Sammellösungen bekommen so ein neues, einheitliches Niveau. Für uns ein Meilenstein! Die Zwanziger könnten in Deutschland das Jahrzehnt des Fahrradparkens werden.

Aktuell sind aber gerade an wichtigen Punkten wie Bahnhöfen und Einkaufsstraßen die Fahrradparkanlagen verstopft. Wie können die Verkehrsplaner aus den Fehlern der Vergangenheit lernen?
Andreas Hombach:
Die Antwort steht auch im genannten Ergebnispapier: Kfz-Parkplätze können zu Fahrradparkplätzen umgewandelt werden. Sowohl auf der Straße als auch in Parkhäusern oder Tiefgaragen. Für uns ist dieser Vorschlag der Hammer! Wie lange musste man mit Stadtverwaltungen kämpfen, um einen Kfz-Parkplatz umzuwandeln? Das war fast unmöglich! Dabei finden auf der Fläche eines Autos bis zu zehn Räder Platz. Und jetzt soll es künftig möglich sein, im öffentlichen Straßenraum Fahrradparkplätze auszuweisen? Wir sind begeistert!

In der aktuellen StVO-Novelle wird erstmalig ein Extra-Schild zum Parken von Lastenrädern erwähnt. Wird es in Zukunft solche Schilder für alle Fahrräder geben?
Andreas Hombach:
Die Möglichkeit, Parkflächen für Cargobikes auszuweisen, ist enorm wichtig. Die Räder können nicht auf schmalen Gehwegen geparkt werden, weil sie dort im Weg sind: Kuriere können nicht mehr ausladen, Eltern ihre Kinder nicht zur Kita bringen. Deswegen ist das neue Verkehrszeichen ein erster Schritt und vielleicht der Startschuss für bessere Fahrradabstellanlagen für alle.

Popup-Bike-Lanes in Berlin gingen durch die Medien, zudem gab es Proteste in weiteren deutschen Großstädten für die Umwandlung von Auto- in Radspuren. Wie sehen Sie diese Idee?
Andreas Hombach:
Das ist eine tolle Sache und ein positives Beispiel, wie Radinfrastruktur schnell umgesetzt werden kann. Ich bin dennoch etwas pessimistisch. Ich befürchte, dass es sich nur um eine temporäre Erscheinung handelt. Je mehr sich der Alltag nach Corona wieder normalisiert, desto mehr werden die Leute auch wieder mit dem Auto in die Städte fahren. Das wird zu einem riesigen Verkehrschaos führen und ein Teil der Bevölkerung wird lautstark den Platz für die Autos zurückfordern. Aber das ist der Fehler: Ökologische Alternativen zum Auto, also ÖPNV und Fahrrad, muss mehr Platz eingeräumt werden, der bisher sehr einseitig vom Auto gedacht wurde. Wir dürfen in der Nach-Corona-Phase nicht in alte Muster verfallen und Auto- und Radfahrer gegeneinander ausspielen. Es gilt, an gemeinsamen Lösungen zu arbeiten.

Foto: www.pd-f.de / Kay Tkatzik

 


Veröffentlicht am: 27.05.2020

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