Im Gespräch: Tim Jacobs - Fassadenkletter

Unmögliche Geheimmissionen erfordern körperliche Höchstleistungen. Das muss auch Agent Ethan Hunt (Tom Cruise) in MISSION: IMPOSSIBLE – PHANTOM PROTOKOLL (Kinostart 15. Dezember 2011) wieder einmal feststellen: in schwindelerregender Höhe klettert der Superagent an der spiegelglatten Fassade des Burj Khalifa hinauf, dem höchsten Gebäude der Welt. Das ist typisch Actionfilm: total unrealistisch! Oder etwa nicht?

Da fragt man doch am Besten einen Experten. Zum Beispiel Tim Jacobs. Der 27-Jährige hat – wie ein echter Geheimagent – ebenfalls mehrere Identitäten. Er ist promovierter Biophysiker, ehemaliger Pharmaberater, PR-Berater für einen Sportartikelhersteller – und seit 15 Jahren leidenschaftlicher Kletterer. Alles, was seinen Füßen und Händen Platz bietet, wird erklommen: Felsen, Kletterwände oder eben die städtische Architektur. Wer südlich vom Taunus wohnt, kann die besten Gebäude zum Hochkraxeln in seinem einzigartigen "Builderingführer Mainz/Wiesbaden: Klettermöglichkeiten im städtischen Raum" sogar nachschlagen. Für alle anderen beantwortet er erstmal ein paar Fragen:

Unter dem Begriff Fassadenklettern kann man sich irgendwie etwas vorstellen. Aber was genau bedeutet "Buildering"? Ist das überhaupt das Gleiche?
Tim Jacobs:
„Buildering“ bezeichnet das Klettern an Gebäuden, ist also die internationale Bezeichnung für Fassadenklettern. Der Begriff setzt sich aus den Worten „Bouldern“, also dem Klettern in Absprunghöhe und ohne Verwendung eines Seils, und „Building“- Englisch für Gebäude - zusammen.

Wie kommt man auf die Idee, einfach an Wänden hoch zu klettern?

Tim Jacobs:
Ich habe als Student mit Buildering angefangen. Ich fand die Möglichkeit sehr reizvoll, draußen mit Freunden eigene ausgewählte „Probleme“ zu knacken, ohne erst ins nächste Klettergebiet fahren zu müssen. Beim Buildering bringt man Stadt, Beruf und Freizeit unter einen Hut und kann sich abends nach der Arbeit noch mit Freunden treffen, um ein paar Sonnenstrahlen einzufangen.

Und wie lernt man das?
Tim Jacobs:
Da Buildering eine Spezialisierung des Kletterns ist, sollte man vorher schon gewisse Grundkenntnisse beim Klettern gesammelt haben. Denn Buildering erfordert besonders an großen Gebäuden sehr viel Kraft, Ausdauer und mentale Stärke.

Sicher entdeckt man dabei Muskeln, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hat. Welche werden eigentlich am meisten beansprucht?
Tim Jacobs:
Ganz genau so ist es.  Man denkt es vielleicht nicht, aber neben den Fingern und Schultern werden die Beinmuskeln enorm beansprucht. Dort besitzen wir mehr Kraft als in Schultern und Armen. Die Beinkraft nutzt man, um Finger, Arme und Schultern zu entlasten.

Hattest du schon mal Höhenangst? Oder ist dir schwindelig geworden?
Tim Jacobs:
Nein. Ich denke, dass Leute, die klettern bzw. buildern nicht so anfällig für Höhenangst sind.

Denk mal an deine erste Kletterwand: wie oft bist du runtergefallen bis du es ganz nach oben geschafft hast?
Tim Jacobs:
Oje! Um ganz ehrlich zu sein, bin ich froh, dass ich mich daran nicht mehr erinnern kann. Das liegt zum Glück schon mehr als 14 Jahre zurück. Aber mit Sicherheit waren es unzählige Male. und ich war erschöpft und verschwitzt.

Hast du dich beim Buildering schon mal ernsthaft verletzt?
Tim Jacobs:
Nein. Abgesehen von ein paar Kratzern zum Glück noch nicht. Beim Klettern am Fels habe ich mir leider vor einem Jahr bei einem Sturz das Steißbein gebrochen, was mich die folgenden 6 Monate am entspannten Sitzen gehindert hat. Grund für den Sturz war ein herausgebrochenes Felsstück. Das sollte beim Buildering jedoch nicht passieren.

Welches war deine bisher spektakulärste Kletteraktion? Was ist genau passiert?
Tim Jacobs:
Die spektakulärste Aktion gibt es nicht. Natürlich sind viele Sprünge und „Decken-Klettereien“ sehr imposant anzusehen. Aber für mich sind große Wände am spektakulärsten, in denen man sehr exponiert ist und bis zu 10 Stunden zubringen kann. Dort ist man vollkommen auf sich allein gestellt.

Ethan Hunt klettert in MISSION:IMPOSSIBLE - PHANTOM PROTOKOLL mit Spezialhandschuhen am höchsten Gebäude der Welt hinauf, dem Burj Khalifa (828 m hoch). Wäre das ohne Hilfsmittel denn überhaupt möglich?

Tim Jacobs:
Ja. Allerdings nur für einen sehr erfahrenen und trainierten Kletterer. Es gibt immer wieder extreme Ausnahmeerscheinungen, wie beispielsweise Alain Robert, der ohne Sicherung Hochhäuser auf der ganzen Welt besteigt. Er ist an der Fassade des Burj Khalifa im März 2011 ohne Hilfsmittel hinaufgeklettert. Auf seiner Liste bezwungener Hochhäuser stehen über 100 Gebäude.

Findest du, dass Tom Cruise bei diesem Stunt etwas geleistet hat? Oder könnte das mit Sicherung usw. eigentlich jeder?
Tim Jacobs:
Zuerst mal finde ich es gut, dass er diesen Stunt selbst macht, denn leicht ist es bestimmt nicht. Sich ohne Boden unter den Füßen in so großen Höhen zu bewegen und dabei noch Sprünge und Stunts zu absolvieren, kostet enorme Überwindung. Zumal es für einen Filmdreh mehrere Male durchgeführt werden muss, bis Kameraleute und Regie zufrieden sind. Dafür sind Kraft und Ausdauer in großen Mengen erforderlich.

Die 5 höchsten Gebäude der Welt sind der Burj Khalifa in Dubai, der Tōkyō Sky Tree, das Mecca Royal Clock Tower Hotel in Mekka, der Canton Tower in Guangzhou (China) und der CN Tower in Toronto. Welches würdest du gern mal erklettern? Und warum?

Tim Jacobs:
Als höchstes Gebäude der Welt stellt der Burj Khalifa natürlich einen besonderen Reiz dar. Daneben ist der Canton Tower in Guangzhou zum Buildering nahezu ideal. Das Gebäude besitzt eine bis zur Spitze reichende Stahlkonstruktion, an der man sich gut festhalten kann. Ebenso wie der Burj Khalifa ist das Gebäude freistehend, also nicht von anderen hohen Gebäuden umstellt. Das ist so interessant, weil man sich dabei sehr "exponiert" vorkommt. Ohne Bezugspunkte um einen herum, als würde man frei und ohne Halt sein – ein tolles Gefühl! Und natürlich kommt die atemberaubende Aussicht noch dazu.

Was war das Höchste, was du bisher erklettert hast?
Tim Jacobs:
Das war eine 400m hohe Wand. Also zirka halb so hoch wie der Burj Khalifa.

Noch ein paar abschließende Worte für alle, die sich noch nicht ans Buildering getraut haben?

Tim Jacobs:
Buildering ist alternativ und bietet eine spannende und innovative Abwechslung zum Klettern und Bouldern an Felsen und in Hallen. Wer bereits klettert oder bouldert, sollte sich dem Buildering nicht verschließen, denn es macht super viel Spaß! Probiert’s aus!

Foto: Tim Jacobs/privat

© Copyright by genussmaenner.de - Berlin, Deutschland - Alle Rechte vorbehalten.
Veröffentlicht am {DATE:d.M.Y : DE} unter dieser Internetadresse: http://www.genussmaenner.de/index.php?aid=16112