
Ein geheimnisvoller Brief ihres gerade verstorbenen Vaters stellt Toni vor ein Rätsel. Er schreibt darin von einer Schuld, die ihn seit seiner Kindheit quält.
Toni beginnt zu recherchieren und findet heraus, dass ihre Heimatstadt zum Schauplatz eines schrecklichen Verbrechens wurde: Drei Kinder sind in den Sechzigerjahren spurlos verschwunden, die Fälle wurden nie aufgeklärt. Und nun wird wieder ein Mädchen vermisst. Die Hinweise, dass es eine Verbindung zu ihrem Vater gibt, verdichten sich. Welches schreckliche Geheimnis hat er mit ins Grab genommen?
Fragen an den Autor

Sie haben schon einige Kriminalromane geschrieben und zahlreiche Drehbücher für Fernsehkrimis. Was schätzen Sie an dem Genre?
Peter Probst:
Ich frage mich immer wieder, warum Krimis so erfolgreich sind – im Fernsehen und im Buchhandel. Liegt es daran, dass die Fälle fast immer gelöst werden und das Böse am Ende doch nicht siegt? Ein anderer Grund könnte sein, dass unsere Angst vor dem Monströsen in einem Genre mit festen Regeln erzählt und damit gleichsam ein Stück weit gebannt wird. Außerdem verstehen wir nach der Lektüre guter Krimis Opfer, Angehörige und auch Täter besser. Mir haben der „Tatort“ und meine Kriminalromane zudem die Möglichkeit geboten, den Finger in die Wunde zu legen. Ich kann publikumswirksam auf gesellschaftliche Missstände und drohende Gefahren aufmerksam machen.
Wie sind Sie auf den tragischen Fall der vermissten Kinder von Pirmasens gestoßen, und wie haben Sie recherchiert?
Peter Probst:
Es war kurioserweise am Rande der Pyrenäen, bei einem Workshop für Kreatives Schreiben im Château D’Orion, den meine Frau und ich geleitet haben. Die Organisatorin, Elke Jeanrond, stammt aus Pirmasens und hat mir von den Entführungen erzählt. Es war deutlich zu spüren, wie sehr sie das Rätsel der verschwundenen Kinder immer noch bewegt. Während meiner Recherche habe ich mich durch Berge von Akten und Publikationen gearbeitet. Es war eine Reise in eine vergangene Zeit, in die Zeit des Wirtschaftswunders, mit einer anderen Gesellschaft als der heutigen, einer anderen Presse und Ermittlungsmethoden, die so nicht mehr möglich wären. Zudem konnte ich mit Menschen sprechen, die mir die damals in aller Welt bekannte Pirmasenser Schuhindustrie aus der Insider-Sicht beschrieben haben, und auch mit jemandem, der als Kind in den Jahren der Entführungen Kontakt zum Haupttatverdächtigen Günther Justus hatte.
Der Fall kann im Roman natürlich nicht gelöst werden, aber ins Bewusstsein rücken. Warum ist Ihnen das wichtig?
Peter Probst:
In einer Zeit von Fake News und Shitstorms lohnt sich der Blick zurück. Es gab damals eine massive Pressekampagne gegen den wegen dreifachen Kindsmordes angeklagten Günther Justus. Die Bild Zeitung hat sogar spekuliert, es könne sich um Fälle von Kannibalismus handeln. Als Justus dann das Gericht aus Mangel an Beweisen als freier Mann verlassen konnte, stellte sich etwas Erstaunliches heraus. In Pirmasens hatte die Pressekampagne nicht verfangen. Im Gegenteil, schon im Gerichtssaal wurde applaudiert, der gesellschaftliche Außenseiter konnte weiter unbehelligt in der Stadt leben. Diese erstaunliche Resilienz der Pirmasenser hat mich beeindruckt.
Die Hauptfigur, die Journalistin Toni, kommt zu spät zum Sterbebett ihres Vaters und kann ihn vieles nicht mehr fragen. Wie geht Toni damit um?
Peter Probst:
Zuerst hat sie vor allem Schuldgefühle. Sie bereut es, ihn nicht öfter besucht zu haben. Sie fragt sich, ob sie sich nicht ernsthaft genug bemüht hat, die Fremdheit zwischen ihnen zu überwinden. Der historische Fall der verschwundenen Kinder, aber auch ein aktueller Entführungsfall, mit dem ihr Vater irgendwie zu tun zu haben schien, zwingen sie, sich intensiv mit ihm zu befassen. Auf diesem Weg gelingt ihr etwas, was ihr zu seinen Lebzeiten nicht gelungen war – Verständnis und sogar Versöhnung.
Die Stadt Pirmasens hat während der Sechzigerjahre einen außergewöhnlichen wirtschaftlichen Aufstieg und in den Jahrzehnten danach einen kontinuierlichen Niedergang erlebt. Spielt das in „Am helllichten Tag“ auch eine Rolle?
Peter Probst:
Eine wichtige sogar. Pirmasens hatte in den sechziger Jahren die höchste Millionärsdichte Deutschlands vorzuweisen. Die Stadt war ein Musterbeispiel für das deutsche Wirtschaftswunder: 350 Schuhfabriken sorgten für Vollbeschäftigung und Wohlstand. Dann begann man Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern, die negativen Folgen der Globalisierung wurden immer deutlicher – bis Pirmasens zu den am höchsten verschuldeten Kommunen Deutschlands zählte. Mich hat interessiert, wie die Einwohner mit dieser Entwicklung klargekommen sind. Müssten sie nicht alle depressiv sein oder zumindest sehr pessimistisch in die Zukunft blicken? Erstaunlicherweise sind mir bei meiner Recherche fast nur heitere und aufgeschlossene Menschen begegnet, Menschen, die Pirmasens trotz aller Probleme unverdrossen lieben. Auch deswegen war es mir übrigens wichtig, die historischen Ereignisse aus der Sicht heutiger Figuren zu erzählen und die Handlung um einen aktuellen Kriminalfall zu erweitern.
AM HELLLICHTEN TAG
Autor: Peter Probst
Heyne Verlag
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 978-3453275645
AM HELLLICHTEN TAG
Basierend auf wahren Begebenheiten entführt Peter Probst in die bedrückende Vergangenheit einer Kleinstadt
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