Stottern ist keine Willensfrage – und hat nichts mit falscher Atmung zu tun

Welche Mythen und Vorurteile noch immer gängig sind



Stottern ist eine weltweit verbreitete Sprechstörung, die kultur- und altersübergreifend in allen Sprachen auftritt. In Deutschland stottern rund 800.000 Menschen, etwa ein Prozent der Bevölkerung. Männer sind dabei etwa viermal häufiger betroffen als Frauen. 


Trotz dieser Verbreitung bestehen in der Öffentlichkeit weiterhin Fehlannahmen über Ursachen und Hintergründe des Stotterns. Etwa fünf Prozent aller Kinder beginnen bis zum sechsten Lebensjahr zu stottern. Im frühen Kindesalter ist die Spontanheilungsrate hoch – bei vielen Kindern bildet sich das Stottern ohne therapeutische Maßnahmen zurück. Mit zunehmendem Alter, insbesondere nach Eintritt der Pubertät, treten sowohl ein erstmaliger Beginn als auch eine Rückbildung des Stotterns deutlich seltener auf. „Stottern ist keine Frage der Erziehung oder der Willenskraft, sondern eine komplexe Sprechstörung mit nachweisbaren neurologischen Grundlagen. Mit gezielter Therapie können Betroffene ihre Sprechfähigkeit verbessern, sodass sie mehr Sprechkontrolle gewinnen und am Ende flüssiger sprechen“, sagt Dr. Alexander Wolff von Gudenberg, Selbstbetroffener und Ärztlicher Leiter der Kasseler Stottertherapie.

Gesicherte Ursachen und wissenschaftlicher Erkenntnisstand

Aus wissenschaftlicher Sicht gelten derzeit zwei Ursachen als gesichert. Zahlreiche Studien belegen eine genetische Komponente: In bis zu 80 Prozent der Fälle tritt Stottern familiär gehäuft auf. Forschungsergebnisse weisen auf genetische Veränderungen hin, unter anderem im Zusammenhang mit dem männlichen X-Chromosom, was die höhere Betroffenheit von Männern erklärt. Darüber hinaus zeigen moderne bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) neurophysiologische Besonderheiten im Gehirn stotternder Menschen. „Diese betreffen Hirnareale, die an der Planung, Steuerung und Koordination von Sprechbewegungen beteiligt sind. Veränderungen in diesen Bereichen können dazu führen, dass Sprechbewegungen nicht präzise aufeinander abgestimmt werden“, erklärt Dr. Wolff von Gudenberg. Psychische Faktoren wie Stress, Aufregung oder belastende Lebensereignisse gelten nicht als Ursachen des Stotterns. Sie können den Verlauf beeinflussen, werden wissenschaftlich jedoch als begleitende oder verstärkende Faktoren eingeordnet.

Einordnung verbreiteter Mythen

Trotz des gesicherten Forschungsstandes halten sich verschiedene Mythen über Stottern. So wird die Sprechstörung häufig mit falscher Atmung oder psychischen Problemen erklärt. Wissenschaftlich gilt jedoch: Atemauffälligkeiten sind meist eine Folge erlernter Kompensationsstrategien, nicht die Ursache des Stotterns. Auch psychische Belastungen erklären nicht dessen Entstehung, sondern können höchstens die Ausprägung beeinflussen. Ebenso widerlegt sind Annahmen, Stottern entstehe durch Erziehungsfehler, Nachahmung oder mangelnde sprachliche Förderung. 

Fachleute betonen in diesem Zusammenhang ausdrücklich, dass Eltern keine Verantwortung oder Schuld am Stottern ihrer Kinder tragen. „Solche Mythen sind nicht nur falsch, sie können auch zu unnötiger Verunsicherung führen – bei Betroffenen ebenso wie bei ihrem Umfeld. Mit gezielter, wissenschaftlich fundierter Therapie, wie sie etwa die Kasseler Stottertherapie anbietet, lässt sich diese Unsicherheit abbauen und die Sprechfähigkeit deutlich verbessern“, so Dr. Wolff von Gudenberg. So lassen sich mit intensiver Therapie neue Sprachmuster erlernen, um das Sprechen kontrollierter und flüssiger zu gestalten. Dazu gehören zum Beispiel Aspekte wie weiche Stimmeinsätze, Silben- und Wortbindung sowie bewusste Steuerung von Tempo, Pausen, Verständlichkeit und Lautstärke.

Bild: KST Institut GmbH

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