WANDERN IN GESCHICHTE. DIE FOTOGRAFIE VON ULRICH WÜST

... zu bestaunen in der GfZK – Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig



Das Werk von Ulrich Wüst wurde in den 1980er Jahren insbesondere durch seine zahlreichen Stadtbilder bekannt, die er an verschiedenen Orten der DDR aufgenommen hatte. Sie zeigen Spuren des Zweiten Weltkrieges und ungehinderten Verfall der historischen Bausubstanz. 

Im Mittelpunkt seines fotografischen Interesses standen jedoch die durch Unachtsamkeit und Ahnungslosigkeit ebenso wie durch Zerstörung und Wildwuchs verursachten Absurditäten städtebaulicher Situationen. So entwickelte der Fotograf seine ganz eigene visuelle Form der Architekturkritik, die bis heute nichts an ihrer Eindringlichkeit verloren hat, zumal sie nicht ideologisch argumentiert, sondern von einem Phänomensinn getragen wird, dem ein subtiler Humor ebenso wenig fremd ist wie die Ironie.

Einem breiten internationalen Publikum wurden die Fotografien von Ulrich Wüst durch seine Einladung zur documenta 14 nach Kassel 2017 bekannt. Ulrich Wüsts fotografisches Werk, das sich im weitesten Sinne mit dem Thema deutscher Osten befasst, lässt sich auch über die versunkene DDR hinaus als Bild-Archäologie der Gegenwart beschreiben. Diese Bilder zeigen Fundstücke der „Grabungen“ und sind zugleich Werkzeuge zu deren Konservierung. Wüst hat einen untrüglichen Sinn für die Zeichenhaftigkeit alltäglicher Situationen, Gegenstände und Materialien ebenso wie für die hintergründigen Bedeutungsschichten von gefundenen Bildern, wie zum Beispiel den vergrößerten Details aus DDR-Pressefotos,die den manipulativen Gebrauch der Fotografie deutlich werden lassen.

Das fotografische Werk von Ulrich Wüst kann aus verschiedenen Perspektiven wahrgenommen werden. Die Beobachtungen, die er in seinen Bildern festhält, mögen letztlich ihre Wurzeln in der deutschen Teilung und deren Überwindung haben. Sie betreffen jedoch immer auch universelle Phänomene gesellschaftlicher Wandlungen und deren materielle Erscheinungsformen. Die scheinbar lapidaren, höchst präzise komponierten Bilder sind Ergebnis langer visueller Wanderungen in gegenwärtigen Orten der jüngsten Geschichte.

Wandern in Geschichte. Die Fotografie von Ulrich Wüst ist eine Ausstellung des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen e. V. Sie war 2023 im GoEun Museum of Photography in Busan, Südkorea, zu sehen und 2024 in der RMIT Gallery des Royal Melbourne Institute of Technology in Australien. Für die Präsentation in Leipzig wird die Ausstellung um drei Werkreihen ergänzt, darunter Fotografien, die im Oktober 1989 in Plagwitz entstanden sind.

Ulrich Wüst
1949 in Magdeburg geboren
1967–1972 Studium an der Hochschule für Architektur und Bauwesen
Weimar, Diplom als Stadtplaner
1972 Umzug nach Ost-Berlin
1972–1983 Arbeit als Stadtplaner und Bildredakteur
seit 1984 freischaffend als Fotograf in Berlin und Schönhof / Mecklenburg
2000 Helen-Abbott-Förderpreis
2021 Kunstpreis des Landes Sachsen-Anhalt
www.ulrichwuest.de

Matthias Flügge
1952 in Demmin / Mecklenburg geboren
Studium der Kunstwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin
1978–1986 Redakteur der Zeitschrift Bildende Kunst, danach freiberuflich
1990–1999 Chefredakteur und Mitherausgeber der Zeitschrift neue bildende kunst, danach freiberuflich als Publizist und Ausstellungsmacher in Berlin
1996 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin
1997–2006 Vizepräsident der Akademie der Künste, Berlin
2012–2022 Rektor der Hochschule für Bildende Künste Dresden

Öffnungszeiten und Kunstvermittlung
Di–Fr: 14–19 Uhr
Sa–So, Feiertage: 12–18 Uhr
Einzelticket: 7€ / 5€
Kombiticket: 10€ / 6€
Mittwochs freier Eintritt

Laufende Vermittlung
Mi, Sa, So: 14–18 Uhr
Unser Vermittlungsteam begleitet Besucher*innen durch die Ausstellungen, beantwortet Fragen und führt Gespräche.

Galerie für Zeitgenössische Kunst
Museum of Contemporary Art
Karl-Tauchnitz-Straße 9–11
04107 Leipzig I 
www.gfzk.de

Bild: Schützenstraße / Jerusalemer Straße 1996, Aus der Serie: Mitte. Berlin, 1995–1997, s / w Archival Pigment Print, 18 × 27 cm 
© Ulrich Wüst; ifa

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