Zwischen Nein und Nähe

Der Reality-Check für die wirklich stressigen Situationen mit deinem Kind



(von J. Scheppach) Es ist ein Versprechen, das viele Eltern sich selbst geben: geduldig bleiben, zugewandt reagieren, die eigenen Kinder ohne Druck, ohne Beschämung, ohne alte Muster begleiten. Die Schlagworte sind bekannt – „bedürfnisorientiert“, „auf Augenhöhe“, „bindungsstark“. 

Doch zwischen diesem Ideal und dem ganz normalen Familienalltag klafft oft eine Lücke, die größer ist, als viele zugeben wollen. Genau hier setzt Romina Alberti mit ihrem neuen Buch „Zwischen Nein und Nähe“ an – und trifft damit einen Nerv.

Alberti, Soziologin, Erziehungswissenschaftlerin und dreifache Mutter, verzichtet wohltuend auf pädagogische Heilsversprechen. Stattdessen liefert sie das, was der Untertitel verspricht: einen Reality-Check. Die Autorin kennt die neuralgischen Punkte des Alltags – das eskalierende „Nur noch fünf Minuten“, das trotzig stehenbleibende Kind im Supermarkt, die endlosen Geschwisterkonflikte. Situationen, in denen selbst die besten Vorsätze bröckeln und das eigene Nervensystem in den Alarmmodus schaltet.

Die Stärke des Buches liegt in seiner konsequenten Praxisnähe. Alberti arbeitet mit konkreten Szenarien, analysiert, was emotional und psychologisch in diesen Momenten passiert – bei Kindern ebenso wie bei Eltern – und entwickelt daraus nachvollziehbare Handlungsstrategien. Dabei bleibt sie stets auf dem schmalen Grat zwischen Verständnis und Führung: Bedürfnisorientierung bedeutet bei ihr eben nicht Grenzenlosigkeit, sondern ein bewusstes Austarieren von „Nein“ und „Nähe“.

Besonders überzeugend ist der strukturierte Ansatz. Statt abstrakter Appelle bietet Alberti eine Art inneren Fahrplan: innehalten, eigene Reaktionen verstehen, kindliche Bedürfnisse einordnen und daraus angemessen handeln. Dieser Schritt-für-Schritt-Charakter macht das Buch anschlussfähig für den Alltag – auch (oder gerade) in Momenten, in denen wenig Zeit zum Nachdenken bleibt.

Dabei wirkt „Zwischen Nein und Nähe“ nie belehrend. Alberti schreibt aus der Praxis heraus, mit spürbarer Empathie und einer großen Portion Selbstreflexion. Immer wieder erinnert sie daran, dass auch Eltern nur Menschen sind – mit Grenzen, Stress und biografischem Gepäck. Diese Haltung verleiht dem Buch eine tröstliche Qualität, ohne in Beliebigkeit abzurutschen.

Inhaltlich bewegt sich Alberti im etablierten Spektrum moderner bindungs- und beziehungsorientierter Erziehungskonzepte, wie sie auch von Autorinnen wie Jesper Juul oder Nora Imlau geprägt wurden. Neu ist weniger die Theorie als vielmehr die Zuspitzung auf die kritischen Alltagssituationen – und die Klarheit, mit der sie diese seziert. Gerade darin liegt der Mehrwert dieses Buches.

Kritisch ließe sich anmerken, dass der Ansatz ein gewisses Maß an Selbstreflexion und emotionaler Ressourcen voraussetzt, das nicht allen Eltern jederzeit zur Verfügung steht. Wer sich schnelle Patentlösungen erhofft, wird hier nicht fündig. „Zwischen Nein und Nähe“ verlangt Bereitschaft zur Auseinandersetzung – belohnt diese aber mit greifbarer Orientierung.

Am Ende ist Albertis Buch weniger ein Ratgeber im klassischen Sinne als ein realistischer Begleiter durch die Zumutungen moderner Elternschaft. Es zeigt, dass der Weg zu mehr Verbindung nicht in Perfektion liegt, sondern im immer wieder neuen Versuch, bewusst zu handeln – selbst dann, wenn es schwerfällt.

Ein Buch, das nicht nur inspiriert, sondern tatsächlich hilft, den entscheidenden Moment zwischen Reiz und Reaktion anders zu gestalten

Zwischen Nein und Nähe

Autorin: Romina Alberti
Kösel-Verlag
Preis: 18,00 Euro 
ISBN: ‎978-3466312436

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