
Das Thema der Sexualität und Erotik ist allgegenwärtig in der Geschichte der Kunst. Es geht also weniger darum, ob solche Arbeiten ins Museum gehören, sondern vielmehr darum, wie über sie gesprochen wird. Und gerade heute scheint eine Verhandlung darüber, wie dies am besten gelingen kann, besonders relevant.
Das Kunsthaus möchte sich dieses Themas am Beispiel eines besonders herausragenden Falls widmen: der Kunst von Félicien Rops (1833–1898). Vom 6. März – 31. Mai 2026 präsentiert das Kunsthaus Zürich einen der radikalsten und gleichzeitig rätselhaftesten Künstler des Fin-de-Siècle. Rops’ dämonisch-erotische Bildwelt sprengte die Konventionen seiner Zeit und wirft bis heute Fragen zu gesellschaftlichen Rollenbildern, Moralvorstellungen und künstlerischer Freiheit auf.
Giftigste Blüte des Symbolismus, Bürgerschreck, Enfant terrible – die Liste der Schlagwörter, mit denen Félicien Rops und seine dämonisch-erotische Kunst beschrieben wurden, ist lang. Rops war ein Grenzgänger. Unentwegt testete der von Schriftstellern wie Charles Baudelaire oder Joris-Karl Huysmans überschwänglich gefeierte Belgier die Grenzen der Kunst. Seine Werke opponierten bewusst gegen bürgerliche Doppelmoral und biederes Anstandsempfinden.
Rops entlarvte die Scheinheiligkeit des braven Bürgers und bediente sich dabei zugleich der Geschlechterklischees und Stereotype seiner Epoche. Insofern öffnet das Phänomen Rops nicht nur die Augen für absolute Höhepunkte auf dem Gebiet der Druckgrafik und Zeichenkunst um 1900, sondern auch für die Geschlechterverhältnisse im Fin-de-Siècle.
NISCHEN DER KREATIVITÄT
«Die Grausamkeit ist nichts anderes als die menschliche Energie, an der die Zivilisation noch nichts zu verderben vermochte.» So heisst es beim Marquis de Sade in dessen «Philosophie im Boudoir». Trotz der fragwürdigen Implikationen dieser Aussage wird nachvollziehbar, weshalb Rops’ Kunst auf Intellektuelle immer wieder eine grosse Wirkung ausübte: Seine Darstellung entgrenzter Erotik, die oft das Grausame streift, erschloss Nischen, in denen kreative Freiräume entstehen konnten – Orte, die von der Zivilisation bislang noch nicht korrumpiert schienen.
Rops selbst kultivierte die Interpretation seiner grafischen Produktion als eine Kunst, die sich vom billigen Beifall abschottet: «Es stimmt, dass der Künstler sich wenig darum kümmern sollte, ob etwas verstanden wird, mit Ausnahme vielleicht von einigen wenigen! Und was für ein Vergnügen es ist, diesen ‹Druidismus› zu praktizieren! Sein eigener hermetischer Hohepriester zu sein […]!»
DIE ZWEI SEITEN EINES ŒUVRES
Rops’ Werk lebt vom Widerspruch: Es war zugleich weit verbreitet und bewusst privat. Während er als einer der virtuosesten und produktivsten Buchillustratoren seiner Zeit Bekanntheit erlangte, entwickelte er parallel ein Œuvre, das den Blicken der Öffentlichkeit gezielt vorenthalten wurde.
Paris, die damalige Hauptstadt der Kunst, bot Rops lange Zeit die besten Voraussetzungen, sich in literarischen Kreisen zu bewegen und Frontispize für neue Werke der Belletristik zu schaffen. Über die Vermittlung von Auguste Poulet-Malassis arbeitete er mit Charles Baudelaire zusammen; auch Werke von Jules Barbey d’Aurevilly, Stéphane Mallarmé oder Paul Verlaine wurden mit Illustrationen des Belgiers versehen.
Daneben existierte jedoch eine zweite, weniger bekannte Seite des Künstlers: der dezidiert für private Sammler arbeitende Rops, der sich offen gegen öffentliche Konventionen stellte. Mit einem Motivrepertoire, das in erotischer Hinsicht jede Grenze zu sprengen suchte, stellte er gesellschaftliche Normen infrage und lotete die Möglichkeiten der Kunst aus. Bis heute werden seine provokantesten Arbeiten in den Giftschränken öffentlicher Kunstsammlungen aufbewahrt.
EIN DOKUMENT SEINER ZEIT
Zeittypisch ist Rops’ Stilisierung der Frau zur «Femme fatale», inszeniert in einer Mischung aus Anziehung und Schrecken. Die Ausstellung greift dies auf und fragt, ob Rops im Widerstand gegen bürgerliche Moral nicht gerade jene Stereotype reproduzierte, die er kritisieren wollte.
Unabhängig davon zählt Rops heute zu den bedeutendsten Kunstschaffenden Belgiens und gilt neben Fernand Khnopff als zentraler Vertreter des belgischen Fin-de-Siècle. Eines seiner Hauptwerke, «Die Versuchung des heiligen Antonius», erlangte besondere Bekanntheit durch eine eingehende Interpretation von Sigmund Freud. Zudem wurde das Werk am ersten Salon der «Groupe des XX» gefeiert – ein Hinweis darauf, dass seine kunsthistorische Bedeutung für eine nachfolgende Generation von Kunstschaffenden, darunter James Ensor, klar erkennbar war.
Die Ausstellung eröffnet eine doppelte Perspektive: als zeichnerisches Meisterstück und als Spiegel gesellschaftlicher Vorstellungen um 1900, die heute neu zu befragen sind.
In enger Zusammenarbeit mit der Königlichen Bibliothek Belgiens (KBR) erarbeitet, zeigt die Ausstellung nahezu 70 Arbeiten, darunter rund 50 Werke aus der KBR selbst, sowie Hauptwerke des Künstlers aus Sammlungen im In- und Ausland, etwa aus dem Musée Félicien Rops, dem Musée Marmottan Monet und dem Musée d’Orsay. Im Kunsthaus Zürich wird die Ausstellung von Kunsthaus-Kurator Jonas Beyer sowie von Daan van Heesch (KBR) konzipiert und kuratiert.
VERMITTLUNG
Begleitend zur Ausstellung erscheint ein reich illustrierter Katalog auf Deutsch und Englisch im Hirmer Verlag mit Beiträgen unter anderem von Juliane Au, Elisabeth Bronfen und Véronique Carpiaux. Er ist ab Ausstellungsbeginn im Kunsthaus-Shop erhältlich.
Öffentliche Führungen finden statt: Do 19. März, 18.30 Uhr; So 12. April, 11 Uhr; Sa 9. Mai, 18.30 Uhr.
An der Mitgliedereröffnung werden neben Vanessa Matz (Belgische Ministerin der Modernisierung der Verwaltung, zuständig für die Wissenschaftspolitik), dem Belgischen Botschafter Patrick Van Gheel und Sara Lammens (Direktorin der Königlichen Bibliothek Belgiens) auch Martin Meyer sprechen. Dessen Kriminalroman «Das Fallbeil» (geschrieben unter seinem Pseudonym Fabio Lanz) dreht sich nicht zuletzt auch um den Künstler Félicien Rops.
Kunsthaus Zürich
Heimplatz 1/5
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Tel. +41 (0)44 253 84 84
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Ein Meister der Provokation
Kunsthaus Zürich zeigt «Félicien Rops. Laboratorium der Lüste»
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