GRACIELA ITURBIDE „EYES TO FLY WITH“

Retrospektive im C/O Berlin



C/O Berlin präsentiert die erste große Retrospektive von Graciela Iturbide (*1942, Mexiko) in Berlin und gibt einen tiefen Einblick in das OEuvre einer der bedeutendsten Stimmen der zeitgenössischen Fotografie. 

In enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin entwickelt, zeigt die Ausstellung ikonische Serien ebenso wie bislang selten oder nie präsentierte Aufnahmen und zeichnet die Entwicklung einer foto-grafischen Praxis nach, die über fünf Jahrzehnte hinweg das Bild des Landes und seiner Menschen nachhaltig mitgeprägt hat.

Iturbides Werk untersucht die oft intimen Beziehungen zwischen Identität, Ritual und Gesellschaft. Mit großer Sensibilität nähert sie sich Menschen und Gemeinschaften, die sie porträtiert, und sucht in ihren Bildern das Poetische im Dokumentarischen. Der Ausstellungstitel Eyes to Fly With greift den Titel eines ihrer Selbstporträts auf und verweist metaphorisch auf Iturbides Verständnis von Fotografie als einem Mittel, die Welt wie auch das eigene Selbst zu erkunden, sich zu befreien und für neue Perspektiven zu öffnen.

Ein zentrales Thema der Ausstellung ist die Darstellung von Frauen und ihrer gesellschaftlichen Rolle. In ihrer Serie Juchitán de las Mujeres über die Zapotek:innen in Juchitán, Oaxaca, zeigt Iturbide eine soziale Struktur, in der Frauen bedeutende wirtschaftliche und öffentliche Positionen einnehmen und damit Geschlechter- stereotype herausfordern. Ihre Fotografien machen die Vielfalt geschlechtlicher Identitäten sichtbar. Dieses Projekt steht exemplarisch für ihr Interesse an weiblicher Selbstbestimmung und kultureller Vielfalt.

Weitere Werkgruppen führen in andere Regionen und gesellschaftliche Kontexte. In den 1970er- und 1980er-Jahren fotografierte Iturbide die nomadische Gemeinschaft der Seri im Nordwesten Mexikos, deren Lebensformen von Unangepasstheit gekennzeichnet sind. Ihre Aufnahmen gewähren eindrückliche Einblicke in ihren Alltag und zeigen die Vielschichtigkeit mexikanischer Kultur, in der präkoloniale und koloniale Kontinuitäten bis heute fortwirken. Mit der Arbeit La Matanza schuf Iturbide einen eigenständigen Zyklus, der das rituelle Ziegenschlachten in der Mixteca-Region dokumentiert und verdeutlicht, wie Kolonialismus, Ritual, Über- leben und Tod ineinandergreifen.

In den 1980er-Jahren porträtierte Iturbide zudem den Alltag der sogenannten Cholos und Cholas, einer mexikanisch-amerikanischen Subkultur, die sich unter anderem in East Los Angeles entwickelt hat. Aus diesen Begegnungen entstand das Langzeitprojekt White Fence, das sie über mehr als drei Jahrzehnte hinweg fortführte. Ihre Fotografien zeigen Menschen, deren Selbstbild von Herkunft und aktuellen Lebensumständen geprägt ist, sowie von Erfahrungen von Migration und teils Marginalisierung, und eröffnen eine vielschichtige Perspektive auf Migration, Community und kulturelle Kontinuität im urbanen Raum.

In ihrer fotografischen Auseinandersetzung mit der Casa Azul, dem berühmten Blauen Haus von Frida Kahlo, richtet Iturbide den Blick auf die spürbare Präsenz der Künstlerin. Jahrzehnte nach Kahlos Tod fotografierte sie persönliche Gegenstände – Kleidung und Reliquien, die im Haus verblieben – und folgt darin den Spuren eines Lebens, das von Schmerz, Kreativität und Selbstbehauptung geprägt war. Die Fotografien heben die feinen Übergänge zwischen Leben und Tod, Leiden und Freude hervor und machen jene eng miteinander verwobenen Erfahrungsräume sichtbar, die in vielen ihrer Arbeiten eine zentrale Rolle spielen. Ergänzt wird die Retrospektive durch selten gezeigte Aufnahmen, die während ihrer Reisen nach Indien und Bangladesch entstanden.

Über Jahrzehnte hinweg hat Iturbide eine eigenständige visuelle Sprache entwickelt. Ihre Fotografien verbinden dokumentarische Beobachtung mit persönlicher Reflexion und verschieben sich im Lauf der Zeit von gesellschaftlich kontextualisierten Serien hin zu einer zunehmend introspektiven, fast meditativen Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit und Spiritualität. Dabei wird das Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne zu einem wiederkehrenden Motiv in ihrem Werk. 

Mit rund 250 Werken, darunter zahlreiche Vintage-Prints, Kontaktabzüge, selten gezeigte Farbaufnahmen sowie Schwarz-Weiß-Fotografien, zeigt die Retrospektive die außergewöhnliche Bandbreite ihres Schaffens von den späten 1960er-Jahren bis in die Gegenwart. Kuratiert wurde die Ausstellung von Sophia Greiff, Kuratorin bei C/O Berlin, und der Gastkuratorin Melissa Harris.

Biografie

Graciela Iturbide (*1942, Mexiko) ist eine der bedeutendsten Fotografinnen Lateinamerikas. Nach einem Studium der Filmregie und Fotografie an der Universidad Nacional Autónoma de México arbeitete sie zunächst als Assistentin des Fotografen Manuel Álvarez Bravo. Ihre überwiegend schwarz-weißen Fotografien zeichnen sich durch eine Bildsprache aus, die ebenso dokumentarische wie poetische Aspekte aufweist. Dabei setzt sie sich immer wieder mit Themen wie Tradition, Ritual, Gemeinschaft und Vergänglichkeit auseinander. Für ihr umfangreiches Werk wurde Graciela Iturbide vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem u. a. mit dem W. Eugene Smith Grant (1987), der Guggenheim Fellowship (1988) sowie dem renommierten Hasselblad Award (2008). Ihre Arbeiten sind weltweit in Museen wie dem Consejo Mexicano de Fotografía in Mexico-Stadt, der Fototeca de Cuba in Havanna, dem Museum of Modern Art (MoMA) in New York, dem Centre Pompidou in Paris sowie dem J. Paul Getty Museum in Los Angeles vertreten. Sie wurden in zahlreichen Ausstellungen präsentiert, zuletzt in der Fondation Cartier in Paris (2022), dem Museo de Arte Moderno in Mexiko-Stadt (2023), The Photographers’ Gallery in London (2024) und im International Center of Photography (ICP) in New York (2025). Sie lebt und arbeitet in Mexiko-Stadt.

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Bild: Mujer Ángel, Sonora-Wüste, 1979 © Graciela Iturbide

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