Von der Lokomotivhalle zum Wohnzimmer der Stadt

Wie in den Niederlanden die Transformation alter Industrieareale gelingt



(von Barbara Driessen/Tilburg) In Tilburg zeigt die Spoorzone, wie aus einem abgeschotteten Industrieareal in erstaunlich kurzer Zeit ein lebendiges Stück Stadt werden kann. Herzstück ist die spektakuläre LocHal: einst Werkstatt der niederländischen Eisenbahn, heute Bibliothek, Treffpunkt und öffentlicher Raum. Das Bemerkenswerte daran ist nicht nur die Architektur. Es ist die Haltung: erst die Menschen, dann der Masterplan. Ein Ansatz, von dem sich auch deutsche Städte einiges abschauen könnten.

Wer die LocHal betritt, braucht einen Moment, um zu verstehen, wo er eigentlich gelandet ist. Eine Bibliothek? Dafür ist es zu lebhaft. Ein Bahnhof? Dafür fehlen die Züge. Eine alte Fabrik? Dafür sitzen zu viele Menschen mit Laptops an Tischen, trinken Kaffee, lesen, reden oder verschwinden auf den oberen Ebenen zwischen Bücherregalen. Über allem spannt sich die gewaltige Konstruktion einer ehemaligen Lokomotivhalle. Hohe Fenster, Stahlträger, unter der Decke verlaufende Lastenkräne - Spuren der industriellen Vergangenheit. Früher wurden hier Eisenbahnen gewartet. Heute ist die Halle so etwas wie Tilburgs öffentliches Wohnzimmer.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe der Spoorzone: Die Stadt in der niederländischen Provinz Nordbrabant hat ihre Vergangenheit nicht aufgeräumt. Sie hat sie genutzt. Noch bis zum Jahr 2011 war das Gelände unmittelbar hinter dem Hauptbahnhof ein weitgehend abgeschlossener Kosmos der niederländischen Eisenbahn. Seit 1868 befanden sich hier Werkstätten; zu Spitzenzeiten arbeiteten auf dem Areal mehr als 1.200 Menschen. Als die Bahn den Standort aufgab, kaufte die Kommune das Gelände. Das war eine strategische Entscheidung, erzählt Joep Frenken, der bei der Stadt Tilburg an der Entwicklung der Spoorzone arbeitet. Tilburg wollte das Schicksal dieses zentral gelegenen Stücks Stadt nicht allein Investoren überlassen. „Wir wollten die Kontrolle über die Entwicklung behalten“, sagt er. Man habe verhindern wollen, dass „große Unternehmen das gesamte Gebiet übernehmen und damit spekulieren“. Heute klingt das beinahe selbstverständlich. Doch damals standen dort vor allem riesige, teilweise heruntergekommene Industriehallen.

Erst einmal die Türen öffnen

Tilburg entschied sich gegen eine Entwicklung hinter Bauzäunen. Noch bevor für jedes Gebäude eine dauerhafte Nutzung feststand, sollte das Gelände Teil der Stadt werden. „Vom ersten Tag an haben wir angefangen, Veranstaltungen und Festivals zu organisieren und jungen Unternehmen Raum zu geben“, sagt Frenken. Entscheidend sei gewesen, dass die Spoorzone nicht bloß „ein Entwicklungsobjekt von Fachleuten aus dem Rathaus, Architekten und Immobilienentwicklern“ werden sollte. „Die Tilburger sollten miteingeschlossen werden.“

Das klingt nach Stadtplaner-Lyrik. In Tilburg kann man sehen, was damit gemeint ist. Junge Kreative bekamen Räume. Start-ups zogen ein. Gastronomie kam hinzu, ebenso Kultur, Bildung und später Wohnungen. Ein Zentrum für urbane Kultur bekam in der Spoorzone schließlich einen dauerhaften Standort. Zuvor hatte die dahinterstehende junge Szene immer wieder provisorisch leerstehende Gebäude genutzt, darunter etwa ein Schwimmbad, eine Kirche und eine alte Fabrik. Die Stadt entschied schließlich, diese Aktivitäten dauerhaft zu unterstützen und stellte dafür ein renoviertes Gebäude in der Spoorzone zur Verfügung: zum Musikmachen und fürs Skateboarding. Genau darin liegt eine Stärke des Projekts: Nicht für jede Nutzung musste zuerst ein glänzendes Konzept von außen erfunden werden. Man schaute, was in der Stadt bereits existierte, und gab ihm Raum.

Die LocHal als Gegenentwurf

Am eindrucksvollsten funktioniert dieses Prinzip in der LocHal. Die riesige ehemalige Lokomotivhalle stand lange leer. Heute befindet sich hier unter anderem die Stadtbibliothek von Tilburg. Aber „Bibliothek“ beschreibt den Ort nur unzureichend. Im Erdgeschoss herrscht bewusst Leben. Menschen kommen und gehen, treffen sich, trinken Kaffee, Veranstaltungen finden statt. Je höher man steigt, desto ruhiger wird das Gebäude; oben gibt es Bücher, Arbeits- und Studienplätze.

Die verschiedenen Bereiche wurden teilweise gemeinsam mit den späteren Nutzerinnen und Nutzern entwickelt. Die Bibliothek versteht sich als sogenannter „Dritter Ort“: weder das Zuhause noch der Arbeitsplatz, sondern ein weiterer, öffentlicher Ort, an dem man einfach nur sein kann, ohne zum Beispiel etwas konsumieren zu müssen. „Wir sind so etwas wie das Wohnzimmer der Stadt“, beschreibt es eine Mitarbeiterin der LocHal. Hier begegnen sich Eltern mit Kindern, Studierende, Obdachlose und Führungskräfte.

Abriss? Zum Glück nicht

Dabei hätte die Geschichte ganz anders ausgehen können. „Als wir angefangen haben, waren wir sehr traditionell“, räumt Frenken ein. Alte Gebäude erschienen zunächst vor allem problematisch: teuer, kompliziert, schwer umzunutzen. „Und dann haben wir während der Arbeit gelernt, welchen besonderen Wert solche Gebäude haben.“ Ausgerechnet die Bevölkerung habe der Stadt dabei die Augen geöffnet. Menschen hätten auf die alten Hallen reagiert mit: „Wow, was für besondere Gebäude ihr hier in der Spoorzone habt.“ Tilburg hatte bereits einen Großteil seines textilindustriellen Erbes verloren. Viele Fabriken waren in früheren Jahrzehnten abgerissen worden.

„Deshalb haben wir einen neuen Plan gemacht, bei dem wir den größten Teil der historischen Gebäude erhalten“, sagt Frenken. Es ist eine bemerkenswert offene Aussage für jemanden aus einer Stadtverwaltung: Wir hatten einen Plan. Dann merkten wir, dass er nicht gut genug war. Also änderten wir ihn. Heute arbeitet Tilburg deshalb weniger mit einem starren Endbild als mit Zielen. Frenken beschreibt es schön: Der Plan sei eher „mit dem Bleistift gezeichnet als mit dem Computer“. So könne die Stadt auf neue Bedürfnisse, Erkenntnisse und wirtschaftliche Entwicklungen reagieren. Vielleicht ist das die interessanteste Lektion der Spoorzone.

Schnell – aber nicht fertig

Denn wer heute durch das Viertel läuft, könnte glauben, hier sei in rekordverdächtiger Geschwindigkeit ein fertiges neues Stadtquartier entstanden. Tatsächlich ist erst gut die Hälfte des vorgesehenen Immobilienprogramms realisiert. „Die Leute denken manchmal, wir seien fast fertig“, sagt Frenken. „Aber wir werden noch sehr viel bauen.“ Geplant ist eine dichte Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Bildung und Kultur. Zugleich steht die Spoorzone exemplarisch für „New Dutch“: eine moderne niederländische Architektur und Stadtentwicklung, die historische Substanz bewahrt und selbstbewusst mit zeitgenössischen Formen und neuen Nutzungen verbindet. Rund 70 Prozent des weiteren Programms sollen auf Wohnungen entfallen. Gleichzeitig soll die Spoorzone zusammen mit Projekten wie Spoorpark und Piushaven das Zentrum Tilburgs stärken.

Die Stadt will in den kommenden Jahrzehnten einen erheblichen Teil ihres Wohnungsbedarfs innerhalb der bestehenden Stadt decken, statt weiter ins Umland zu wachsen. Die Lage direkt am Hauptbahnhof ist dafür ideal. Zug, Bus und Fahrrad machen das Quartier hervorragend erreichbar. Genau deswegen, sagt Frenken, habe die Stadt hier die Chance gesehen, „dem Zentrum mehr Kraft zu geben“. Und wo früher die Gleisanlagen und Werkstätten die Stadt teilweise voneinander trennten, sollen neue Durchgänge und Verbindungen Nord und Süd wieder zusammenführen. Eine der zentralen Aufgaben der Umgestaltung sei es gewesen, die einstige Barriere aufzubrechen: „Damit die Menschen aus dem Norden und Süden einander begegnen können.“ Auch das ist mehr als Architektur. Es ist Stadtentwicklung im wörtlichen Sinne.

Eine Idee für deutsche Städte

Gerade aus deutscher Perspektive wirkt die Spoorzone deshalb bemerkenswert. Auch hierzulande gibt es zahllose alte Bahnhöfe, Güterhallen, Industrieanlagen und Fabriken. Oft beginnt bei ihrer Entwicklung jedoch eine jahrelange Debatte: Denkmalschutz, Brandschutz, Finanzierung, Investoren, Nutzungskonzepte, Bebauungspläne. Alles das gibt es auch in den Niederlanden. Auch Frenken berichtet von maroder Elektrik, Energieproblemen und Brandschutzauflagen in den alten Hallen. Der Unterschied liegt eher darin, wie mit der Ungewissheit umgegangen wird. Tilburg wartete nicht darauf, dass für jeden Quadratmeter die perfekte endgültige Lösung gefunden war. Man ließ Zwischennutzungen zu, beobachtete, was funktionierte, machte manches dauerhaft und verwarf anderes. Die Verwaltung verstand Planung nicht als Versuch, die nächsten 25 Jahre vorherzusagen, sondern als fortlaufenden Prozess. Und sie investierte zuerst selbst: in Infrastruktur, öffentliche Funktionen und Räume, in denen etwas entstehen konnte.

Daraus ist ein Viertel entstanden, das sich erstaunlich wenig nach einem künstlich entworfenen „Kreativquartier“ anfühlt. Vielleicht, weil die alte Spoorzone nie vollkommen glattgebügelt wurde. In der LocHal stehen noch immer die mächtigen Stahlkonstruktionen der Eisenbahnzeit. Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt war dies ein Gelände, das den meisten Einwohnern weitgehend verschlossen war. Heute gehört es ihnen. Und wahrscheinlich ist das die überzeugendste Definition gelungener Stadtentwicklung. (NBTC)

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Foto: Die LocHal in Tilburg, ©Barbara Driessen/NBTC. 

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