
(von J. Scheppach & I. Holzinger) Die Bayerische Staatsoper bringt mit John Neumeiers „Die Kameliendame“ einen jener großen Ballettabende auf die Bühne, die weit über ihre literarische Vorlage hinausstrahlen.
Alexandre Dumas’ berühmter Roman La dame aux camélias von 1848 hat Oper, Film und Theater nachhaltig geprägt; in Neumeiers Handschrift wird er zu einem fein gearbeiteten Tanzdrama von großer emotionaler Dichte. Die Aufführung ist empfohlen ab 12 Jahren und dauert rund 2 Stunden 50 Minuten.
Herzzerreißende Pas de deux
Im Zentrum steht die tragische Liebe zwischen der Kurtisane Marguerite Gautier und ihrem Liebhaber Armand Duval, deren Beziehung von Anfang an unter dem Vorzeichen des Verlusts steht. Neumeier erzählt diese Geschichte nicht als bloße Romanadaption, sondern als fein gearbeitete Seelenstudie, in der jeder Pas de deux eine emotionale Zuspitzung bekommt und jede Bewegung eine innere Spannung freilegt. So entsteht ein Bühnenbild der Gefühle, in dem Leidenschaft und Verzicht, Glanz und Vergänglichkeit, Nähe und gesellschaftliche Distanz unauflöslich ineinandergreifen.
Chopins Virtuosität, Eleganz und Melancholie
Den musikalischen Atem verleiht dem Werk Frédéric Chopin. Aus seinen Klavierkonzerten, Polonaisen, Balladen, Walzern und Préludes formt sich ein Klangkosmos, der weniger begleitet als vielmehr innerlich kommentiert. Verwendet werden unter anderem das Zweite Klavierkonzert, die Romanze aus dem Ersten Klavierkonzert, die Grande Fantasie op. 13 und die Grande Polonaise brillante op. 22, ergänzt durch weitere Klavierstücke; das Largo aus der Sonate h-Moll op. 58 bildet eine dramaturgische Klammer an entscheidenden Stellen. Gerade diese Musik macht den Abend so besonders: Chopins Virtuosität, Eleganz und Melancholie tragen die Handlung nicht nur, sondern vertiefen sie. Dadurch entsteht ein Ballett, das zugleich romantisch schwebt und existenziell schmerzt.
John Neumeiers dramaturgische Raffinesse
John Neumeier schuf seine Fassung 1978 für Marcia Haydée und das Stuttgarter Ballett; 1986 führte er zudem selbst Regie bei der Verfilmung des Erfolgswerks. Entscheidend für den anhaltenden Rang dieses Stücks ist die Art, wie Neumeier den bekannten Stoff verdichtet: Er verbindet große Bühnenbilder des Gefühls mit präziser Personenzeichnung und dramaturgischer Raffinesse. Besonders raffiniert ist auch der Umgang mit dem Motiv des Theaters im Theater. Neumeier spiegelt das Schicksal von Marguerite und Armand mit den literarischen Figuren Manon Lescaut und Des Grieux und erweitert damit die Liebesgeschichte um eine zweite Ebene von Erinnerung, Illusion und künstlerischer Projektion.
Die Saison 2026 im Münchner Nationaltheater
Die Saison 2026 im Münchner Nationaltheater entfaltet sich zu einem faszinierenden Panorama aus Opernpremieren, Ballettklassikern und zeitlosen Repertoire-Stücken. Sie tragen allesamt das Leitmotiv „Der Mensch ist, wozu er sich macht“ – ein trotziges Plädoyer für Selbstermächtigung inmitten äußerer Zwänge.
Welturaufführung von „Of one Blood“
Am 10. Mai wird die Welturaufführung von Brett Deans „Of one Blood“ präsentiert: Ein Roman um rassistische Vorurteile und die Suche nach Identität in gemischten Welten entfaltet sich zu einem intensiven Drama über Zugehörigkeit, gesungen von Jonathan Tetelman unter Vladimir Jurowski.
„Norma“ zeigt am 22. Mai Bellinis druidische Priesterin, die ihren Römerlover Pollione liebt, doch für die Kinder opfert und im heiligen Feuer vergeht.
Puccinis „Turandot“ wird am 6. Juni aufgeführt. Die eiskalte Prinzessin stellt tödliche Rätsel, Kalaf löst sie mit „Nessun dorma“ und schmilzt ihr Herz durch selbstlose Liebe – ein Triumph aus Rätsel und Erlösung.
Angelin Preljocajs „Le Parc“ ab dem 12. Juni entzündet sinnliche Verbote: Adlige Liebhaber trotzen Regeln im barocken Garten, in fließenden, erotischen Bewegungen.
Bizets „Carmen“ am 13. Juni lodert wild. Die Zigeunerin verzaubert Don José, verlässt ihn für den Stierkämpfer Escamillo und endet durch seinen Dolchstoß – pure, zerstörerische Leidenschaft.
Wagner Premieren mit Herzstück des Ring-Zyklus
In Richard Wagners „Die Walküre“ – Premiere am 25. Juni – entbrennen die Geschwister Siegmund und Sieglinde in verbotener Liebe. Wagners Siegfried feiert Premiere am 29. Oktober 2026. Siegfried, 1876 bei den ersten Bayreuther Festspielen uraufgeführt, kann als Herzstück des Ring-Zyklus angesehen werden. Es war Siegfrieds Geschichte, die Wagners Interesse an dem Nibelungen-Stoffkreis weckte und deren Text er zuerst verfasste. Er versetzte den Sagentext mit Märchenmotiven und schuf eines der originellsten Operntextbücher überhaupt. Musikalisch ist Siegfried mit seinen dunkel schimmernden, ehernen Klangfarben und den mal zarten, mal monumentalen Naturschilderungen trotz einer über zehnjährigen Kompositionspause aus einem Guss.
Maria Stuard feiert Premiere am 20. Dezember. Als Auftakt zur Premiere findet Königin(nen), ein Musiktheater-Projekt von Lulu Obermayer, im Vorderhaus des Nationaltheaters statt.
Infos und Tickets unter www.staatsoper.de
Foto(s): © bayerische Staatsoper
Die Kameliendame und das Panorama der Bayerischen Staatsoper
Faszinierende Opernpremieren und zeitlose Ballettklassiker
Veröffentlicht am: 26.04.2026
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