
Das Armida Quartett feiert sein 20-jähriges Jubiläum u. a. als Preisträger in Residence bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern vom 13. Juni bis 6. September 2026. Dort zeigen die vier preisgekrönten VirtuosInnen in insgesamt 19 Konzerten die ganze Bandbreite ihres Könnens … und stellen sich zugleich neuen Herausforderungen.
2006 tauften vier junge MusikerInnen in Berlin ihr frisch gegründetes Streichquartett auf den Namen einer fiktiven sarazenischen Zauberin, die seit nunmehr 400 Jahren – dank eines vielfach vertonten Epos von Torquato Tasso – die Musikszene und ihre Zuhörerschaft in ihren Bann schlägt. Zu den Dutzenden Komponisten, die diese Figur auf die Opernbühne brachten, zählte auch Joseph Haydn, der bekanntlich als Vater der Gattung Streichquartett gilt. Seinem somit doppelt hintergründigen Ensemblenamen hat das Armida Quartett in den letzten beiden Jahrzehnten alle Ehre gemacht: mit magischen Konzertmomenten und einem zauberhaften Quartettsound, der diverse Auszeichnungen wie den OPUS Klassik (für Vol. 4 der Mozart-Streichquartette, CAvi-music) nach sich zog.
Nun feiern die Armidas ihr 20-jähriges Ensemblejubiläum – und das in unveränderter Besetzung sowie mit einer nach wie vor beachtlichen Auftrittsfrequenz. Dies ist umso erstaunlicher, als sich der private wie berufliche Status der einzelnen Mitglieder in den beiden Jahrzehnten gravierend verändert hat: Martin Funda lehrt heute als Professor für Kammermusik und Violine an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Teresa Schwamm-Biskamp ist Solobratschistin beim NDR Elbphilharmonie Orchester, Peter-Philipp Staemmler Solocellist beim hr-Sinfonieorchester und Johanna Staemmler unterrichtet an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin.
Die aktuelle Fachpresse nennt die vier VirtuosInnen „beseelte Perfektionisten mit besonderer Ensemble- Chemie“ (Rhein-Neckar-Zeitung, 30.4.2024), die dank „traumwandlerischer Sicherheit im Zusammenspiel, gepaart mit großer technischer Überlegenheit“ (Tagblatt St. Gallen, 21.2.2025), Interpretations-Messlatten in schönster Regelmäßigkeit nach oben verschieben.
So brauchte es keine Zauberei, sondern nur musikalischen Sachverstand, um die vier als Preisträger in Residence 2026 für die diesjährigen Festspiele Mecklenburg-Vorpommern (MV) zu nominieren und so zu einem zentralen Programmpfeiler dieses in Europa größten Musikfestivals seiner Art zu machen. Von den insgesamt rund 120 Veranstaltungen wird das Armida Quartett allein 19 Konzerte quer durch das norddeutsche Bundesland bestreiten: zu viert wie auch verstärkt mit hochkarätigen KollegInnen an ungewöhnlichen Locations wie Rittersaal, Scheune, Gutshaus, Kornspeicher, Ballsaal im Grand Hotel, Klosterkirche, Atelier, Schulaula oder Schlosshof open air: „Das macht auch den besonderen Reiz aus“, so Johanna Staemmler. „Es gibt so viele außergewöhnliche Orte, wo wir auftreten: ob das jetzt ein Saal ist, ein Kuhstall, ein Schloss oder ein Gutshaus ... das ist natürlich ganz besonders.“
Der erste Auftritt des Armida Quartett bei den Festspielen MV datiert auf das Jahr 2013, nur zwölf Monate später wurden die vier dann bereits mit dem Ensemblepreis des Festivals ausgezeichnet. Nun, 2026, stehen sie in vorderster Reihe: „Residenzkünstler zu sein, darauf freuen wir uns unheimlich. Das ist auch eine große Ehre. Wir sind ja schon viele Jahre mit den Festspielen verbunden. Und nun dürfen wir den kommenden Sommer ein bisschen mit unserer Handschrift prägen. Deswegen spielen wir natürlich vor allem auch Programme, die uns besonderen Spaß machen. Also bei denen wir glauben, viele Facetten von uns zeigen zu können.“
So eröffnen die vier gemeinsam mit der NDR Radiophilharmonie unter Stanislav Kochanovsky das Festival in der Konzertkirche Neubrandenburg (13.6.), wo neben der Uraufführung einer Auftragskomposition („Buzzer Beater“ für Streichquartett und Audiotrack von Johannes Fischer) auch das selten gespielte Konzert für Streichquartett und Orchester a-Moll op. 131 von Louis Spohr erklingen wird: „Wir hatten immer schon den Wunsch, dieses besondere Repertoire auf der Bühne zu präsentieren, und sind jetzt sehr dankbar für die Möglichkeit.“
Ein außergewöhnlicher Liederabend ist für den 12. Juli in Bad Doberan angekündigt. Dort stehen neben dem Mozart‘schen „Haydn-Quartett“ KV 428 zwei berühmte Liederzyklen für Tenor und Streichquartett- Arrangement mit Benjamin Appl auf dem Programm: Ludwig van Beethovens „An die ferne Geliebte“ op. 98 (arr. von Simon Rowland-Jones) sowie Robert Schumanns „Dichterliebe“ op. 48 (arr. von Wim ten Have).
Bei den folgenden Armida-Konzerten liegt ein Schwerpunkt auf dem norddeutschen Romantiker schlechthin: Das Programm „Brahms am Haff“ etwa wird gleich dreimal in schönster Natur zu erleben sein (15.7. in Uckermünde, 16.7. in Anklam, 17.7. in Koserow): An Stettiner Haff, Peenehaff und Ostsee kommen jeweils ein wechselndes Brahms-Streichquartett und -Sextett (bzw. am 17.7. das Schubert’sche Quintett C-Dur D 956) zur Aufführung. Dazu bieten die Veranstalter eine organisierte Radtour an – ganz im Sinne der Armidas, die selbst begeisterte RadfahrerInnen sind und sich schon seit geraumer Zeit für Nachhaltigkeit im Klassikbereich engagieren. So ist ein weiteres Festival-Programm „Mit dem Armida Quartett auf dem Bauernhof“ (19.7. in Hohen Luckow) übertitelt: „Diese ökologisch- musikalische Erkundungstour spielt ein bisschen auf unsere Aktivität im Bereich der Nachhaltigkeit an. Wir sind Botschafter für eine deutsche Vereinigung, die sich ‚Orchester des Wandels‘ nennt. Das sind Ensembles aus ganz Deutschland, die sich zusammentun, um einen Weg zu finden, wie wir auf Klimawandel und die Bedürfnisse der Natur als MusikerInnen reagieren können.“
Eher ungewohnte stilistische Wege beschreiten die OPUS-Preisträger bei den diesjährigen Festspielen MV ebenfalls: So tauchen sie während der „Friends-Wochen“ gemeinsam mit dem Quartetto Sol Tango in die Welt des südamerikanischen Tanzes ein: Dort treffen Piazzolla auf Brahms (Landsdorf am 24.6.), Tango auf Polka (Mestlin am 25.6., Bleckede am 26.6. open air), Bach auf das Bandoneon (27.6. in Groß Garbow) oder Schumann auf Pracánico (28.6. in Schwerin). Und auch bei „Streichquartett trifft Jazzpiano“ (28.8. in Rostock) wandeln die vier gemeinsam mit Johanna Summer bei von Klassikern inspirierten Improvisationen und Streichquartett-Tunes abseits der üblichen Pfade.
Im August geht es dann zum gemeinsamen Lachen nicht etwa in den Keller, sondern auf die Bühne im Schloss Vietgest (27.8.), so Martin Funda: „Wir hatten das Glück, für unser Gesprächskonzert ‚Universum Armida Quartett: Musizieren und Lachen‘ eine Humor-Forscherin gewinnen zu können. Mit ihr nähern wir uns aus unterschiedlichsten Perspektiven dem Thema Humor im Leben eines Streichquartetts und werden das natürlich mit humoristischen Musikstücken unterfüttern. Wir spielen seit 20 Jahren in der gleichen Besetzung zusammen – da hat Humor für uns einen besonders hohen Stellenwert.“
Während der vier „Festival-Gipfeltreffen“ (19.8. bis 27.8.) findet sich das Armida Quartett dann mit Matthias Schorn (Klarinette), Nils Mönkemeyer (Viola) und William Youn (Klavier) zu gemeinsamem Musizieren zusammen, wo neben der Konstante Brahms („Das Quintett op. 111 lernen wir dafür tatsächlich jetzt neu“) auch Robert Schumann und György Kurtág im Fokus stehen.
Einen weiteren besonderen Programmakzent setzen die vier mit dem von Dorothee Kalbhenn konzeptionierten literarisch-musikalischen Porträt „Psychogramm Schostakowitsch“ (Stralsund am 30.8.), bei dem zusätzlich das GrauSchumacher Piano Duo und der bekannte Schauspieler Ulrich Noethen als Rezitator mitwirken.
Auch beim Abschlusskonzert des Festivals ist das Armida Quartett maßgeblich beteiligt, wenn gemeinsam mit dem Ausnahmepianisten Kit Armstrong in der St.-Bartholomäus-Kirche von Wittenburg (6.9.) ein „Französisches Finale“ ansteht – mit dem Streichquartett „Ainsi la nuit“ von Henri Dutilleux und dem monumentalen Klavierquintett f-Moll von César Franck.
Zu seinem 20-Jährigen hat das Armida Quartett also bei den diesjährigen Festspielen MV die einzigartige Gelegenheit, all das zu zeigen, was musikalisch in ihm steckt … und zugleich Neues zu erproben. Grundlage dafür sind die auch nach zwei Jahrzehnten unveränderte Neugier und Motivation sowie die gewachsene Vertrautheit: „Man redet ja immer von blindem Verständnis“, sagt Peter Philipp Staemmler. „Vielleicht ist es das, was über viele Jahre zusammenwächst in so einem Ensemble. Und es gibt dann einfach diese Momente, da muss man nichts mehr anzeigen oder den anderen angucken. Das liegt dann irgendwie in der gemeinsamen Luft.“
Also wirklich ein bisschen magisch!
Foto: © Oliver Borchert
Ungebrochener Zauber des Quartettspielens
Das Armida Quartett als Preisträger in Residence bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern
Veröffentlicht am: 20.05.2026
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