
Hugo Alfvéns „Midsommarvaka" mit Martin Fröst und dem NDR Elbphilharmonie Orchester am 3. Oktober · Über zwei Jahrzehnte Festkonzert-Partnerschaft im Kraftwerk Peenemünde · Nordische Volksmusik, schwedische Wiegenlieder und Sommer-Serenaden auf der Insel · Schwerpunkt Schweden zum 75. Jahr diplomatischer Beziehungen.
Wenn Schweden am kommenden Freitag und Samstag Midsommarafton und Midsommar begeht, fällt auf Usedom der Blick schon weiter – in den Herbst, wenn das 33. Usedomer Musikfestival vom 19. September bis 10. Oktober 2026 die Musik Schwedens in den Mittelpunkt stellt.
Anlass des Länderschwerpunkts sind 75 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Schweden und Deutschland seit 1951. Den symbolischen Höhepunkt setzt am Tag der Deutschen Einheit Hugo Alfvéns „Schwedische Rhapsodie Nr. 1 – Midsommarvaka": die wohl berühmteste Klangwerdung der schwedischen Mittsommernacht – gespielt im Kraftwerk Peenemünde vom NDR Elbphilharmonie Orchester unter Andris Poga, mit Klarinettist Martin Fröst als Solist.
„Die Mittsommernacht ist Schwedens kulturelles Herzstück. Alfvén hat sie 1903 in eine Viertelstunde Orchestermusik übersetzt – eine helle, tanzende, am Ende fast wehmütige Musik", sagt Festivalintendant Thomas Hummel. „Wir spielen sie an einem Küstenstrich, der fast zwei Jahrhunderte lang zu Schweden gehörte. Hier ist diese Musik nicht Folklore-Import, sondern Heimkehr."
Vierundzwanzig Jahre NDR-Festkonzerte im Kraftwerk Peenemünde
Dass das Festkonzert zum 3. Oktober im Kraftwerk Peenemünde stattfindet, ist Ergebnis einer der ältesten Kooperationen des deutschen Konzertbetriebs gemeinsam mit einem Museum von Weltrang. 2002 öffneten das Usedomer Musikfestival, das Historisch-Technische Museum Peenemünde und der Norddeutsche Rundfunk die ehemalige Turbinenhalle der Heeresversuchsanstalt erstmals als Konzertsaal – mit Mstislaw Rostropowitsch am Pult. Aus dieser Eröffnung ist eine jährliche Tradition geworden: Mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester verwandelten hier namhafte Dirigenten von Christoph Eschenbach und Christoph von Dohnányi bis Esa-Pekka Salonen, Andris Nelsons und Alan Gilbert einen Ort des Krieges für Momente in einen Festsaal friedlicher Klänge; 2026 nun Andris Poga mit Martin Fröst.
Für Martin Fröst (Foto) ist die Einladung nach Peenemünde doppelt bedeutsam: Der Klarinettist ist in der Saison 2025/26 Resident Artist des NDR Elbphilharmonie Orchesters und der Elbphilharmonie Hamburg. Das Usedomer Musikfestival stellt sein Heimatland in den Mittelpunkt. Das Programm verbindet diesen Schweden-Schwerpunkt mit Klassikern des Repertoires: Auf Alfvéns „Midsommarvaka" folgen Mozarts Klarinettenkonzert A-Dur KV 622 und Tschaikowskys „Manfred-Symphonie" op. 58. Dirigent Andris Poga, geboren 1980 in Riga, ist zugleich ein Klangbotschafter des gesamten Ostseeraums – Chefdirigent in Stavanger, langjähriger Leiter des Lettischen Nationalorchesters und durch Riga selbst ein Kind der Ostsee.
Der Mittsommer durchzieht das ganze Festival
Der Atem des schwedischen Hochsommers ist nicht auf das eine Festkonzert beschränkt, er durchzieht das gesamte Programm. Schon das Eröffnungskonzert am 19. September im Kraftwerk Peenemünde setzt mit dem Baltic Sea Philharmonic unter Robert Treviño Wilhelm Stenhammar ins Programm – den schwedischen Klassiker, dessen Sommer-Klangsprache die Romantik des 19. Jahrhunderts mit nordischer Klarheit verbindet. Solistin ist die zwölfjährige Cellistin Charlotte Melkonian, Usedomer Musikpreisträgerin 2026.
Das volksmusikalische Fundament dieser Klangwelt machen drei Konzerte zu Festivalbeginn hörbar
• Sonntag, 20. September, 15:00 · Ev. Kirche Liepe — „Schweden Barock": Ida Meidell (Barockvioline) und Johan Hedin an der Nyckelharpa, der schwedischen Schlüsselfidel, die seit dem 16. Jahrhundert die Volksmusik der Mittsommerfeste trägt.
• Sonntag, 20. September, 19:30 · Ev. Kirche Krummin — „Schwedischer Sommerausklang": Niklas Sivelöv (Professor an der Königlichen Dänischen Musikakademie Kopenhagen) spielt Werke Wilhelm Stenhammars und eigene Sommer-Improvisationen.
• Dienstag, 22. September, 19:30 · Ev. Kirche Mellenthin — „Stern des Meeres": Helena Ek und Anna Maria Friman singen und spielen – mit Fiedel und Hardangerfiedel – mittelalterliche Lieder und nordische Volksmelodien, die in Schweden bis heute die Sommerfeste begleiten.
Der erzählerische Bogen wird in der dritten Festivalwoche geschlossen, mit zwei Stationen, an denen der schwedische Sommer langsam verklingt
• Sonntag, 27. September, 17:00 · Ev. Kirche St. Marien Stadt Usedom: Schauspielerin Annett Renneberg (bekannt aus „Kommissar Stolberg" und „In aller Freundschaft") liest aus Selma Lagerlöfs „Die wundersame Reise des kleinen Nils Holgersson" – dem schwedischen Sommer-Mythos schlechthin, der Wildgansreise eines Jungen quer durch das sommerliche Schweden. Am Klavier: Hideyo Harada.
• Mittwoch, 30. September, 19:30 · Tourismusinformation Heringsdorf — Liegekonzert: Annasara Lundgren (Gesang) und Gerda Holmquist (Cello) bringen schwedische Volks- und Wiegenlieder – das Publikum hört auf Schlafmatten und in Liegesesseln.
• Montag, 5. Oktober, 19:30 · Ev. Kirche Seebad Heringsdorf — „Schwedische Serenade": Das Franz Ensemble mit Sarah Christian, Maximilian Krome, Rie Koyama und Pascal Deuber spielt Kammermusik in der hellen Klangsprache nordischer Spätromantik.
Mittsommer auf historisch schwedischem Boden
Dass Usedom diesen Schwerpunkt setzt, hat regionale Tiefe. 1630 ging Gustav II. Adolf mit seinem Heer an der Küste der Insel an Land – am Strand vor Peenemünde, wenige Kilometer von der Stelle entfernt, an der heute das Kraftwerk steht. Mit dem Westfälischen Frieden 1648 wurde Vorpommern schwedisch; bis 1815 gehörten Usedom, Stralsund und Wismar zum Königreich Schweden.
„Schwedisch-Pommern" ist hier kein Geschichtsbuchbegriff aus weiter Ferne, sondern Teil der Region – sichtbar bis heute in den Backsteingiebeln Stralsunds und Wismars, die seit 2002 gemeinsam UNESCO-Welterbe sind. Wenn am 3. Oktober im Kraftwerk Peenemünde Alfvéns „Midsommarvaka" erklingt, dann ist das also keine exotische Programmidee, sondern die Wiederbegegnung einer Landschaft mit einem Klang, der ihr historisch nicht fremd ist.
Das Usedomer Musikfestival
Das Usedomer Musikfestival widmet sich seit 1994 der Musik des Ostseeraums. Drei Wochen lang von September bis Oktober erklingen die Klänge eines jährlich wechselnden Gastlandes an Spielorten der Insel – vom Kraftwerk Peenemünde über kaiserzeitliche Hotels bis zu Dorfkirchen. 2008 rief das Festival selbst das Baltic Sea Philharmonic ins Leben, das seither junge Musikerinnen und Musiker aus allen zehn Ostsee-Anrainerstaaten vereint. Zu Gast in Peenemünde waren u. a. Anne-Sophie Mutter, Mstislaw Rostropowitsch, Gidon Kremer, Paavo Järvi, Esa-Pekka Salonen, Krzysztof Penderecki und 2022 die New York Philharmonic unter Jaap van Zweden.
Foto: Mats Bäcker
Mittsommer auf Usedom
Wie der schwedische Hochsommer im Kraftwerk Peenemünde nachklingt
Veröffentlicht am: 21.06.2026
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