
Markus Riese und Heiko Müller gründeten Anfang der 1990er-Jahre den Fahrradproduzenten Riese & Müller und waren lange Jahre als Geschäftsführer des Unternehmens tätig. Während Riese sich im August 2022 aus der Geschäftsführung verabschiedete, geht sein langjähriger Freund Müller den Schritt Ende Juli 2026.
Gunnar Fehlau, Geschäftsführer des pressedienst-fahrrad, hatte die Gelegenheit, im Rahmen der Campus Days bei Riese & Müller mit beiden zu sprechen und die Geschichte des erfolgreichen Unternehmens noch einmal Revue passieren zu lassen. Das Gespräch zeigt, wie aus einem Start-up mit Mut und Weitsicht ein Global Player werden kann.
Lieber Markus, lieber Heiko, euer Weg als Unternehmer ist geprägt durch eure Jahrzehnte lange Freundschaft. Könnt ihr euch eigentlich noch daran erinnern, wann ihr euch das erste Mal getroffen habt?
Markus Riese:
Das war 1987 an der TU in Darmstadt. Unser erstes Semester an der Uni hatte eigentlich schon begonnen. Ich war allerdings mit meinem Praktikum noch nicht fertig und kam erst eine Woche später zu den ersten Vorlesungen. Am Uni-Gelände traf ich zufällig einen Schulkameraden. Er meinte, er kenne jemanden, der eine ähnliche Leidenschaft für Fahrräder und Musik habe wie ich. Den müsste er mir gleich vorstellen. Ich war also gerade einmal eine halbe Stunde an der Uni und mein erster Weg führte mich direkt zu Heiko.
Wann kam die Idee, gemeinsam ein Unternehmen zu gründen?
Heiko Müller:
Wir hatten jahrelang an Fahrrädern geschraubt und gemeinsame Touren gemacht. Wir waren Freigeister und konnten uns nicht vorstellen, bei einer großen Firma zu arbeiten. Auf einer Radreise durch Tunesien 1991 fassten wir deshalb den Entschluss: Wir machen uns selbstständig mit Fahrrädern. Wir hatten noch keine Idee wie und mit was genau, aber der Entschluss stand. Ein Jahr später gab es dann eine Schlüsselszene: Markus hat aus Pappe ein Muster eines Faltrades mit kleinen Reifen und Federung gebaut. Die Idee unseres Birdy war geboren. Aus alten Schrottteilen bauten wir einen Prototyp, der schon ganz gut funktionierte. Das war unsere Produktidee, mit der wir ins Rennen gehen konnten.
Anfang der 1990er-Jahre als Studenten ein Unternehmen zu gründen, war sicherlich schwierig. Venture-Capital-Investment oder auch Crowdfunding gab es damals nicht im großen Umfang. Wie habt ihr das Vorhaben finanziert?
Markus Riese:
Erschwerend kommt hinzu, dass die Serienproduktion eines Fahrrades Monate dauert und für einen Studenten deshalb ein zu großer zeitlicher und finanzieller Aufwand ist. Wir hatten daher die Idee, ein anderes Produkt auf den Markt zu bringen, das sich deutlich schneller produzieren lässt. Bei einer Radfahrt in einem kalten Winter kam ich auf die „Hot Ears“, also Ohrenwärmer für unter den Fahrradhelm. Fahrradhelme kamen damals erstmals so richtig auf den Markt, hatten aber das Problem, dass man sie in der Größe nicht anpassen und so keine Mütze oder Stirnband im Winter darunterziehen konnte. Mit den Hot Ears schlossen wir diese Lücke. Durch den Vertrieb konnten wir einerseits die Entwicklung unseres Birdys mitfinanzieren und andererseits auch erste Händlerkontakte knüpfen.
Wie kam es dann aber dazu, dass ihr von Produzenten eines Accessoires zum Fahrradhersteller wurdet?
Heiko Müller:
Dank der Hot Ears konnten wir ein erstes Gewerbe anmelden und 1993 einen ersten Messestand auf der Eurobike buchen. Dort stellten wir unseren Birdy-Prototyp als Standdekoration auf und bekamen direkt Anfragen von Händlern, die ein Kaufinteresse zeigten. Das stärkte uns in der Entscheidung, auf Fahrräder zu setzen. Die Suche nach einem Produktionspartner gestaltete sich allerdings schwierig. Auf der Eurobike 1994 wurde dann George Lin von Pacific Cycles, einem großen, weltweit agierenden Fahrradproduzenten aus Taiwan, auf unser Birdy aufmerksam. Er war für einen japanischen Kunden auf der Suche nach einem hochwertigen Faltrad. Das Birdy erfüllte genau die Erwartungen und Markus flog von der Messe direkt nach Taiwan, um bei Pacific Cycles einen professionellen Prototyp für die Serienfertigung zu bauen. Ich bereitete in der Zwischenzeit Preislisten und Orderformulare für die damals noch stattfindende IFMA-Fachmesse in Köln vor. Dort konnten wir ein erstes Rad zeigen und erste Ordern schreiben. Ein halbes Jahr später bekamen wir den ersten Container aus Taiwan geliefert. Dank Lin hatten wir gleich noch einen internationalen Durchbruch: Ein Container ging nach Japan, ein weiterer in die USA. Ein totaler Glücksfall, der den Start unseres Unternehmens einleitete.
Warum brauchte es damals das Birdy?
Markus Riese:
Für mich war das Fahrrad das Fortbewegungsmittel Nummer eins, aber ich wollte den Aktionsradius meines Rads erweitern. Diese Erweiterung geht durch das Zusammenfalten. So kann ich das Fahrzeug im Zug oder auch im Auto mitnehmen. Die Idee war ganz klar: Ein besseres Alltagsfahrrad machen, als es schon gab. Es gab damals kein Fahrrad, das sich gut fuhr und zusammenfaltbar war. Für mich war es auch nicht verständlich, warum es damals noch keine Fahrräder mit Vollfederung gab. Fahrkomfort beim Radfahren ist für mich ganz oben angesiedelt. Das ist bis heute bei unseren Entwicklungen sichtbar. Wir sind Vorreiter beim Fahrkomfort – was sich wiederum auf die Fahrsicherheit auswirkt. Es ist schön, dass die Ideen von damals heute noch an den Produkten von Riese & Müller zu sehen sind.
Schon zwei Jahre später kam eine ganze Palette an neuen Rädern. In den Neunzigerjahren habt ihr schon praktiziert, was heute mit dem Wort Agilität beschrieben wird. Warum wurde der Koffer mit den Neuheiten stetig größer?
Heiko Müller:
Vollfederung hat uns von Anfang an fasziniert. Anfang der 1990er-Jahre kamen die ersten vollgefederten Mountainbikes auf, die von vielen Menschen in der Stadt aufgrund ihres Fahrkomforts genutzt wurden. Für uns war klar: Wir müssen ein vollgefedertes Stadtrad bauen. Die ersten zwei Modelle, das „Culture“ und das „Avenue“, haben den Zeitgeist getroffen. Das war eine kleine Revolution. In den Folgejahren haben wir jährlich ein neues Konzept auf den Markt gebracht. Wir waren Ingenieure, Fahrradideen faszinierten uns.
Aber es kommt ja auch immer wieder zu Rückschlägen. Welches eurer Räder hättet ihr rückblickend lieber bleiben lassen?
Heiko Müller:
Das ist schwer zu sagen, weil aus jedem Rad, Erfolg oder Misserfolg, wieder neue Ideen entwickelt wurden, die in späteren Modellen wieder aufgegriffen wurden.
Markus Riese:
Das ist auch immer ein Teil von Innovation und Zukunftsgewandtheit. Innovation ohne Risiko geht doch gar nicht. Wer ist in der Lage, die Zukunft vorherzusagen? Die Frage, ob ein Fahrradkonzept funktioniert, beantwortet sich immer erst hinterher. Es gibt kein Unternehmen, das eine hundertprozentige Trefferquote bei seinen Produkten hat. Man muss auch einfach mal Dinge machen, selbst wenn man ein Risiko damit eingeht. Sonst hat man sich vielleicht eine Chance verbaut, weil man nur Risikovermeidung betreibt.
Quelle: „www.r-m.de | pd-f“
Der Erfolgsweg von Riese & Müller
Gründer-Duo im Interview des pressedienst-fahrrad
Veröffentlicht am: 27.07.2026
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