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„PARALLELE LEBEN“ KARL UND HELENE ALBIKER – KARL UND THILDE HOFER

Das Museum Ettlingen lädt bis zum Jahresende ein



Die Stiftung aus dem Nachlass des Bildhauers Karl Albiker, der lange Jahre in Ettlingen gelebt und gearbeitet hat, und die großzügige Dauerleihgabe von zahlreichen Werken Karl Hofers der Stiftung Menschenbild in Winterthur bildet seit vielen Jahren den Grundstock der städtischen Kunstsammlung.


Die beiden Künstler Karl Albiker (1878–1961) und Karl Hofer (1878–1955) lernten sich mit Anfang zwanzig während ihres Studiums an der Karlsruher Kunstakademie kennen. Beide verbrachten einige Jahre zur gleichen Zeit in Rom und gründeten dort nahezu zeitgleich ihre Familien. Karl Hofer besuchte Albiker in Florenz, wo dieser sich durch den Villa-Romana-Preis mit seiner Familie für ein Jahr aufhielt, und auch in dem Ettlinger Atelierhaus der Familie Albiker war Hofer wie auch andere gemeinsame Freunde ein häufiger Gast. Der enge künstlerische Austausch jener Zeit, der in Briefen und Tagebucheinträgen belegt ist, führte zu einer lebenslangen Freundschaft, die sie trotz unterschiedlicher Arbeitssituationen und Erlebnisse während des Ersten Weltkriegs und später des Dritten Reiches aufrechterhielten.

In der Ausstellung „Parallele Leben“ werden die beiden Künstlerfreunde in einen Dialog gesetzt, der sich auf ihre Lebensläufe und künstlerischen Entwicklungen fokussiert. Persönliche Erlebnisse, Begegnungen und Erfahrungen begleiten in chronologischer Folge die Gemälde, Grafiken und Objekte der Ausstellung und setzen diese in einen ganz persönlichen Kontext.

Ergänzend wird in „Parallele Leben“ auch die Lebenswirklichkeit der beiden künstlerischen Ehefrauen Helene Albiker Klingenstein (1878–1952) und Thilde Hofer (1874–1942) beleuchtet, die über viele Jahre im Schatten ihrer erfolgreichen Ehemänner standen.

Karl Albiker

Von 1905 bis 1920 lebt und arbeitet Karl Albiker mit seiner Familie in Ettlingen. Bereits 1902 macht er die Bekanntschaft mit dem Sammler Karl Ernst Osthaus, was ihm neben Ankäufen für das neu eröffnete Folkwang-Museum auch den Auftrag für eine Figur für das Hagener Krematorium bringt. 1906 lernt er den Keramiker, Architekten und Bildhauer Max Laeuger kennen, und es entsteht eine Freundschaft, die lebenslang anhält und mit zahlreichen gemeinsamen Projekten entscheidend zu Albikers Karriere als freiem Bildhauer beiträgt. 1908 wird er Mitglied der Badischen Secession in Karlsruhe und der Berliner Sezession. Von 1910 bis 1911 hält sich Albiker mit seiner Familie in dem Künstlerhaus Villa Romana in Florenz auf.

In den folgenden Jahren entstehen, häufig in Zusammenarbeit mit befreundeten Künstlern, viele bauplastische und keramische Auftragsarbeiten und Entwürfe für Denkmäler sowie freie Arbeiten, für die ihm zum Teil auch seine beiden Kinder Modell stehen.

1915 meldet sich Albiker freiwillig zum Militär, wo er 1917 durch einen Sturz vom Pferd eine schwere Beckenverletzung erleidet, die nur langwierig heilt und ihn kriegsunfähig macht. 1919 wird er Mitglied der Münchner neuen Sezession, drei Jahre später wird er zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste Berlin ernannt, 1927 gehört er zu den Mitbegründern der Badischen Secession in Karlsruhe. 1929 wird Albiker Rektor der Dresdener Akademie.

1919 Jahr erhält Albiker gleichzeitig zwei Berufungen an die Kunstakademien in Karlsruhe und Dresden. Die Entscheidung gegen Karlsruhe fällt ihm nicht leicht, da er in Ettlingen viele gute Freunde wie Albert Haueisen und Max Laeuger zurücklässt. Im Januar 1920 beginnt er seine Lehrtätigkeit in Dresden, die Freunde Karl Hofer, Hans Meid und andere leben in unmittelbarer Nähe in Berlin. Die Dresdner Akademie reformierte ab 1918 den Lehrbetrieb und gewinnt mit Albiker einen Künstler mit überregionaler Bedeutung und einer modernen plastischen Grundauffassung.

Die Demokratisierungsbestrebungen der Akademie und die Berufung Albikers werden bereits 1919 von rechtsnationalen Stimmen öffentlich kritisiert, 1933 schließlich wird er neben anderen in einer Tageszeitung der NSDAP verbal angegriffen und diffamiert. Als der Maler Otto Dix als einer der ersten Kunstprofessoren nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 entlassen wird, hält Albiker dem Druck nicht stand. Noch im selben Jahr tritt er der NSDAP bei. „Ich habe damit erreicht, dass mir meine Stellung an der Akademie erhalten blieb und dass ich meine von nationalsozialistischen Doktrinen freie künstlerische Gesinnung weiterhin der studierenden Jugend übermitteln konnte. Persönlich allerdings wurde ich in der Folgezeit als Künstler ganz übergangen.“ Über den Architekten Wilhelm Kreis, der seit 1938 Reichskultursenator ist, erhält Albiker einzelne große, bauplastische Aufträge.

Bei den Bombenangriffen der Alliierten im Februar 1945 werden Albikers Atelier und seine Wohnung zerstört, nur wenige Arbeiten können gerettet werden. Im Juni 1947 verlässt Albiker mit seiner Familie Dresden und kehrt zurück nach Ettlingen. Um seine Rolle in der NSDAP zu untersuchen, muss sich Albiker 1948 in Karlsruhe einem fünfmonatigen Prozess unterziehen.

Am 6. April 1952 stirbt Helene Albiker nach 48 Jahren Ehe.

Anlässlich seines 75. Geburtstags plant der Karlsruher Kunstverein eine Ausstellung und stößt damit eine Reihe neuer Aufträge an, nachdem es beruflich die letzten Jahre eher ruhig um Albiker war. Er stirbt am 26. Februar 1961 in Ettlingen.

Karl Hofer

1913 zieht Karl Hofer mit seiner Familie von Paris nach Berlin. Hier gelingt es ihm, sich zusehends zu etablieren. Er ist überregional vertreten durch die führenden Galeristen der damaligen Zeit und beteiligt sich an Ausstellungen. 1912 erfolgt der erste Ankauf eines öffentlichen Museums.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht die Familie im nordfranzösischen Ambleteuse während ihres Sommerurlaubs und Karl Hofer wird für drei Jahre interniert. Mit Unterstützung von Theodor Reinhart bezieht er nach Kriegsende eine Wohnung in Zürich und versucht, an die Erfolge vor dem Krieg anzuknüpfen. „Jetzt heißt es arbeiten, noch zu etwas gelangen, oder untergehen. (…) Ich hab und behalte euch lieb, aber die Idee eines Familienlebens, das mich von der Arbeit abzieht, ist mir heut unerträglich. (…) Ich muß jetzt alles auf eine Karte setzen.“

1919 kehrt Karl Hofer nach Berlin zurück und erhält zwei Jahre später einen Lehrauftrag an der Kunsthochschule Berlin-Charlottenburg. Später folgt die Berufung in den Senat der Preußischen Akademie der Bildenden Künste. 1927 gehört er zu den Mitbegründern der Badischen Secession in Karlsruhe und ist deutsches Mitglied der Jury am Carnegie-Institut in Pittsburgh, USA. Anlässlich seines 50. Geburtstags finden 1928 große Ausstellungen in Berlin und Mannheim statt, zu diesem Zeitpunkt besitzen 26 Museen Bilder Hofers und er gilt als einer der wichtigsten Künstler Deutschlands.

Privat sind es eher schwierige Zeiten: 1924 beginnt Karl Hofer eine Beziehung mit seinem Modell Elisabeth Schmidt und zieht 1927 aus der ehelichen Wohnung aus. Zwischen 1925 und 1939 verbringt Karl Hofer die Sommermonate im Tessin, seit 1931 im eigenen Anwesen in der Nähe von Lugano. Hier entsteht über Jahre eine Serie zahlreicher Landschaftsbilder.

Am 27. Februar 1933 werden an der Berliner Kunsthochschule auf einem Plakat Karl Hofer und andere Professoren als „destruktive jüdisch-marxistische Elemente“ diffamiert, wenig später wird Hofer aus seinem Amt entlassen. 1937 werden 311 seiner Werke als „entartet“ eingestuft und aus deutschen Museen entfernt, neun seiner Werke sind in der Münchener Ausstellung „Entartete Kunst“ zur Schau gestellt. 1938 schließlich trifft Hofer das totale Arbeits-, Ausstellungs- und Verkaufsverbot, dennoch arbeitet er unermüdlich weiter und verkauft seine Bilder an private Sammler „unter der Hand“. Im selben Jahr reicht Thilde Hofer die Scheidungsklage ein, woraufhin die Ehe mit Karl Hofer am 8. Juli 1938 geschieden wird. Sie ermöglicht ihm die Heirat mit Elisabeth Schmidt am 7. November im gleichen Jahr.

1939 stellt er in den USA und der Schweiz aus. 1940 verbringt er mit seiner Frau mehrere Monate im Ferienhaus des Konstanzer Apothekers und Kunstsammlers Dr. Bruno Leiner.

1942 wird Thilde Hofer in Ausschwitz ermordet. Ein Jahr später ereilt Hofer ein weiterer Schicksalsschlag: Sein Atelier in Berlin wird zerbombt, 150 Bilder und rund 1500 Zeichnungen werden zerstört. Im November des gleichen Jahres muss Hofer zusehen, wie seine Wohnung ebenfalls in Schutt und Asche gelegt wird. Er sucht Zuflucht in dem Privatsanatorium des Nervenarztes Dr. Sinn in Potsdam-Babelsberg. Es sind düstere Jahre für den Künstler, was sich auch in seiner Malerei niederschlägt.

1945 wird Hofer zum Direktor der neu eröffneten Berliner Hochschule für Bildende Künste berufen. Im Rahmen seines 70. Geburtstags erhält er eine Fülle von Würdigungen, es folgen deutschlandweit Ausstellungen seiner Werke. 1950 wird Hofer Erster Vorsitzender des „Deutschen Künstlerbundes 1950“ und erhält bis 1953 verschiedene Auszeichnungen wie den Orden Pou le Merité und den Berliner Kunstpreis. Er stirbt am 3. April 1955 in Berlin.

Biografie Helene Albiker-Klingenstein (1878–1952)

Die in Prag geborene Helene Klingenstein beginnt um die Jahrhundertwende ihr Studium an der privaten Malschule Heinrich Knirrs in München, wo sie zum Umfeld um Paul Klee gehört. In München trifft sie auch ihren späteren Mann Karl Albiker, mit dem sie zusammen nach Rom zieht und zugleich ihre Zelte in München abbricht.

Die Zeit in Italien nutzt das Paar, um ihr künftiges Ettlinger Domizil nach eigenen Entwürfen zu planen. Neben einem großen Garten wird es auch mehrere Atelierräume für beide umfassen, das Bildhaueratelier wesentlich großzügiger geplant ist als das der Malerin. Der Alltag der jungen Künstlerin wird zunehmend bestimmt von den Aufgaben einer jungen Mutter und unterstützenden Ehefrau. Der intensive, künstlerische Austausch und die Zeit für die Entwicklung der eigenen Malerei, wie sie noch in München gegeben war, findet immer weniger Raum. 1907 wird ihre Tochter geboren – in dieser Zeit entsteht das liebevoll illustrierte Bilderbuch für den erstgeborenen Sohn Carl, das unter anderem Details ihres Lebens als Familie zeigt. Trotz ihrer stetigen Weiterentwicklung bleibt ihr Motivschatz auf Stillleben, Landschaften und wenige Porträts eingeschränkt. Als Ehefrau und Mutter unterstützt sie ihre Familie und assistiert ihrem Mann im Ettlinger Atelier. Sie hält „den Betrieb am Laufen“ und ihrem Mann damit den Rücken für seine Karriere frei. Im Gegenzug fehlt ihr ebendieser Zuspruch und oft steht sie mit der Kritik an ihrem Werk, teilweise sogar aus dem engsten Freundes- und Familienkreis, allein da. Erst in Dresden kann sie sich wieder intensiver ihren eigenen Werken widmen.

Die Malerei begleitet sie ihr ganzes Leben – in den vierziger Jahren fertigt sie zeitweise Porträts Ettlinger Kinder und Blumenstillleben als Auftragsarbeiten an. Dennoch gelingt es ihr nicht, sich als eigenständige Künstlerin zu etablieren, zu groß scheint der Schatten ihres Mannes.

Biografie Thilde Hofer-Scheinberger (1874–1942)

Mathilde Scheinberger wird in Wien geboren, beide Eltern gehören der jüdischen Religion an, gemäß der sie jedoch nicht erzogen wird. Als die damals 28-Jährige 1902 Karl Hofer kennenlernt, studiert sie Gesang in Wien mit dem Ziel, bald ihre Prüfung zur Konzertsängerin abzulegen. „Ich wollte, ich wäre mit meinem Studium schon so weit, daß ich selbstständig wäre“, schreibt sie 1902 an den vier Jahre jüngeren Hofer. Die beiden heiraten rasch nach ihrem ersten Treffen und einem intensiven Briefverkehr 1903 in Wien, um dann gemeinsam die Reise nach Rom anzutreten.

Die Umtriebigkeit, die Karl Hofer ab 1908 zeigt, um sich und seine Malerei voranzutreiben, sowie seine beiden zeitintensiven Indienreisen bedeuten für die junge Mutter lange Phasen des Alleinseins. Die Kindererziehung lastet größtenteils auf ihren Schultern, zudem unterstützt sie ihren Mann bei der Organisation von Gemäldetransporten oder Verkäufen. Hofer und sie stehen stets in reger Korrespondenz, auf diesem Weg erfährt ihr Mann auch vom Tod seiner Mutter und der Geburt seines zweiten Sohnes Hansrudi. Thilde Hofer schließt 1913 an der Scola Cantorum in Paris ihr Studium ab. Obwohl sie dort gute Aussichten auf eine Karriere als Sängerin hat, trägt sie die Entscheidung ihres Mannes für den Umzug nach Berlin mit.

Die fünf Jahre Trennung durch Hofers Internierung und seine Zeit in Zürich bis 1919 bleiben in der Beziehung der beiden nicht ohne Folgen. Auch wenn seine Frau die Familie endlich wieder vereint sehen möchte, entscheidet sich Hofer nun klar für seine Karriere als Künstler und gegen das traditionelle Familienleben.

1923, vier Jahre nach Hofers Rückkehr nach Berlin, äußert Thilde Hofer den Wunsch einer räumlichen Trennung und dem Auszug Hofers. Ein Jahr später geht er eine Beziehung mit seinem Modell Elisabeth, genannt Lisbeth, Schmidt ein und zieht 1927 aus der gemeinsamen Wohnung aus und in sein Atelier ein. Er bemüht sich um eine doppelte Haushaltsführung, unterstützt seine Frau und die beiden Söhne weiterhin finanziell – offizielle Ausstellungsbesuche oder private Unternehmungen tritt er jedoch ab sofort ausschließlich mit Lisbeth Schmidt an, Thilde Hofer wird sein geschätztes Domizil im Tessin nie sehen. Sie hält scheinbar weiter an der Ehe fest, wenn sie auch nur noch auf dem Papier existiert, und willigt lange nicht in die Scheidung ein. Erst 1938, auf Hofers Drängen, erhebt sie selbst Anklage und das Scheidungsurteil wird vollstreckt, was für Thilde Hofer schicksalsweisend war. Nun schutzlos, trifft sie die Verfolgung der Juden durch das NS-Regime mit ganzer Härte. Ihre letzten Jahre verbringt sie in Wiesbaden, in engem Austausch mit ihren beiden Söhnen, zu denen sie ein inniges Verhältnis pflegt. Im August 1942 wird Thilde Hofer festgenommen und am 21. November 1942 in Auschwitz ermordet.

„Ich wollte nie heirathen, sagte ich mir oft – und vor nicht langer Zeit habe ich mir mein Altjungfernheim ausgemalt, fröhlich und einfach, meinen Träumen und Idealen lebend.“

Frühe Jahre: Auf der Suche nach dem eigenen Stil

Nach einem Jahr an der eher traditionell ausgerichteten Karlsruher Akademie ist Karl Albiker auf der Suche nach neuen Anregungen, die er sich in Paris erhofft, das 1899 als das Zentrum der modernen Strömungen gilt. Er bleibt ein knappes Jahr und besucht Bildhauer- und Zeichenkurse an der privaten Académie Julian bevor er an das Institut Rodin wechselt. Die Begegnung mit Auguste Rodins Plastik hat einen maßgeblichen Einfluss auf seine künstlerische Entwicklung. Fast alle Arbeiten, die in den nächsten Jahren entstehen zeugen deutlich von einer Auseinandersetzung mit Rodins Stiltendenzen wie dem „non-finito“, bei dem Partien der Plastik unbearbeitet bleiben. Die dynamisch modellierten Oberflächen mit zum Teil klar erkennbaren Arbeitsspuren, vor allem aber die Bewegung als zentrales Element und Ausdruck seelischer und körperlicher Energie zeigen ebenfalls deutlich den Einfluss Rodins.

Auch wenn Albiker schon früh die Bronze als Werkstoff bevorzugte, zeichnen sich gerade die Werke der Münchener Jahre durch eine große Material- vielfalt und unterschiedlichste Formate aus. Während seiner letzten Studienaufenthalte in Rom 1903–1905 und Florenz 1910/11 verfeinert Albiker seine Fertigkeiten im Bronzeguss und dem Hohlaufbau einer Terrakotta-Plastik und studiert vor Ort die alten Meister der Antike, der Renaissance und des Barock. Seine Formensprache wird ruhiger, geschlossener und zum Teil betont voluminös, die Oberfläche seiner Skulpturen gespannter.

Zurück in Ettlingen beginnt Albiker die Eindrücke der letzten sechs Jahre zu seinem eigenen Stil zusammenzufügen: Die nackte menschliche Figur wird zum Leitthema, raumgreifende Gebärden zum tragenden Ausdruckselement der Figur, die ihre innere Dynamik durch die sensibel modellierte Oberfläche ausdrückt.

Wie viele Künstler seiner Zeit zieht es auch Karl Hofer um die Jahrhundertwende nach Paris und kurze Zeit darauf nach Rom. Die Gemälde dieser Zeit stehen in der Tradition der symbolistischen Malerei Arnold Böcklins oder dem Idealismus eines Hans von Marées, jedoch vernichtet der selbst- kritische Hofer viele seiner Bilder: „Es existiert zum Glück auch davon nichts mehr. Ich war allzeit sehr grausam gegen meine mißratenen Kindern.“

Der junge Künstler sucht weiter nach Impulsen für einen eigenen Stil und hält sich ab 1908 wieder in Paris auf. Er verbringt viel Zeit im Louvre vor den Meisterwerken Rembrandts oder EL Grecos und studiert Delacroix und Cézanne, fühlt sich jedoch keinem Stil richtig zugehörig: „Weder mit dem Naturalismus noch mit dem Impressionismus wußte ich das Geringste anzufangen, ebenso wenig mit irgendeinem der späteren Ismen.“

Dennoch festigt sich seine Malweise unter dem Eindruck der Cézanneschen Werke, seine Farbpalette erweitert sich und wird farbintensiver. Der Farbauftrag ist freier gesetzt und bildbauend, der Pinselstrich entschiedener. 1911 und 1913 ermöglicht ihm sein Schweizer Mäzen Theodor Reinhart zwei mehrmonatige Reisen nach Indien an die Malabarküste. In den Bann gezogen von dem tropischen Licht und der farbenprächtigen Natur moduliert Hofer in lockeren Pinselschwüngen Landschaften und Figuren. Noch Jahre später schöpft er aus den Eindrücken, die er hier sammeln konnte und verarbeitet sie in seiner Malerei.

Erfolgreiche Jahre Dresden (Karl Albiker) und Berlin (Karl Hofer)

Karl Albikers Hauptschaffensphase beginnt in Dresden Anfang der 1920er Jahre. Es entstehen große Figuren und Porträts sowie monumentale Plastiken im Rahmen öffentlicher Aufträge in deutschen Städten. Er beteiligt sich an vielen großen Ausstellungen in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Seine Anerkennung schlägt sich auch in öffentlichen Ankäufen und Aufträgen nieder.

Albikers Formensprache gewinnt an Volumen, Strenge und Tektonik, der Raum wird immer mehr zum gestalterischen Element. Der nackte menschliche Körper als Ausdrucksträger innerer und äußerer Bewegung in Wechselwirkung mit dem Raum, der ihn umgibt wird zum Leitthema seines Schaffens. Innerhalb dieser Schaffensperiode zeigt sich zum Teil eine starke Tendenz zum Expressiven, was sich in der Aufnahme spätgotischer Formen äußert. Vor allem in seinen großen Werken tendiert Albiker immer mehr zu beruhigten Körpern und klaren Umrissen, was die raumplastische Wirkung der Figuren noch verstärkt. Im Austausch mit seinem Jugendfreund Leopold Ziegler setzt er sich auch theoretisch in einigen Aufsätzen mit dem Thema „Figur und Raum“ auseinander.

Albikers Lehre an der Akademie in Dresden und seine moderne Gesinnung im plastischen Gestalten steht in großem Kontrast zu der klassizistischen oder naturalistischen Formensprache seiner Vorgänger. Er konzentriert sich mit seinen Studenten auf ein exaktes Naturstudium, das jedoch nicht physiologisch aufgebaut ist, „sondern nach der sehr persönlichen Erkenntnis, daß der Körper raumbedingend ist, selbst Raum darstellt.“

1933 beginnen die ersten nationalsozialistischen Verbalattacken gegen Albiker. Um seine Familie und seine Arbeit zu schützen und seine Lehrtätigkeit behalten zu können, tritt Albiker noch im selben Jahr der NSDAP bei. Durch die Hilfe des befreundeten Architekten Wilhelm Kreis erhält er einzelne öffentliche Aufträge wie die monumentalen Figurengruppen für das Reichssportfeld in Berlin.

In der Nachkriegszeit fällt es Albiker schwer, an die Zeit der 1920er und 1930er Jahre anzuknüpfen. Er kann weder mit der „dick aufgetragene[n] Gegenständlichkeit im Dienst der Sowjetpropaganda“ im Osten, noch mit den abstrakten Tendenzen „unter peinlichem Vermeiden jeglicher Gegenständlichkeit“ im Westen etwas anfangen und bleibt seiner plastischen Grundauffassung bis zu seinem Tod am 26. April 1961 treu.

Auch Karl Hofer in Berlin ist fasziniert von den Variationen „des Menschen und des Menschlichen“ und wählt sie als „immerdauerndes Objekt“ seiner Darstellungen. Der Künstler befindet sich in den 1920er Jahren auf dem Höhepunkt seines Schaffens und feiert nationale wie internationale Erfolge. Die aktuellen Kunstströmungen seiner Zeit wie der Expressionismus oder die Neue Sachlichkeit inspirieren Hofer, dennoch ist sein Stil eigenständig: „(…) die ersten Werke der Expressionisten traten auf. Mein Streben aber ging nach einer gänzlich anderen Richtung, ich vermochte wenig mit ihnen anzufangen, denn für mich war jedes große Kunstwerk Expression, nur eben ohne die aufdringliche Doktrin, der, um ihr Genüge zu tun, Wichtigeres geopfert werden mußte. Die Wiedergewinnung der Farbe als Eigenwert bleibt das unverlierbare Verdienst dieser Richtung.“

In den Jahren bis 1945 verfestigen sich Themenbereiche in seiner Bildwelt, die er seriell immer wieder aufgreift und variiert. Abgesehen von der Darstellung einzelner Figuren beschäftigen ihn kontinuierlich sich festhaltende oder umarmende Paare, sanfte Mädchen- oder Frauenakte, Landschaften oder Tischgesellschaften. Weitere Leitthemen Hofers sind prophetisch-visionär anmutende Szenerien mit „Warnern, Rufern und Bläsern“, in denen er das teilweise düstere Zeitgeschehen verarbeitet. Einen direkten Bezug zu den Geschehnissen der Gegenwart stellt er auch mithilfe der allegorischen Bildsprache religiöser Darstellungen her.

Nach der zwölfjährigen Diktatur der Nationalsozialisten ordnet und orientiert sich die Kunstszene in Berlin neu. Nach kurzen Exkursen in die abstrakte Malerei 1930 und in seinem Spätwerk in den Fünfziger Jahren bleibt Hofer dem Figürlichen treu, was in seinen letzten Jahren als unmodern aufgefasst wird. Hofer wehrt sich und es folgt ein öffentlicher Schlagabtausch mit dem Kunstkritiker und Befürworter der abstrakten Kunst Will Grohmann.

Museum Ettlingen
Schlossplatz 3
76275 Ettlingen
07243/101-273
museum@ettlingen.de
www.museum-ettlingen.de

Bild: Helene Albiker-Klingenstein (1878–1952), Straße in Florenz, Tempera auf Leinwand, um 1910/11, Museum Ettlingen

 


Veröffentlicht am: 23.11.2022

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