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Beliebige Fracht

Die Geschichte der globalen Wirtschaft, erzählt anhand eines Schiffs



(von Josef Scheppach) Beliebige Fracht ist ein ungewöhnlich kluges Wirtschaftsbuch: Ian Kumekawa erzählt die Geschichte der globalen Ökonomie nicht über Märkte, Theorien oder Statistiken, sondern über die wechselvolle Biografie eines einzigen Schiffs. Was wie eine kuriose Objektgeschichte beginnt, wird zu einer präzisen, materialreichen Analyse des globalisierten Kapitalismus seit den späten 1970er-Jahren.

Ein Schiff als Hauptfigur


Im Mittelpunkt steht die „Balder Scapa“, ein 1979 in Schweden gebauter Stahlleichter von rund 9.500 Tonnen Tragfähigkeit. Das Schiff war zunächst Unterkunft für Arbeiter auf Ölförderplattformen in der Nordsee, später Quartier für britische Soldaten im Falklandkrieg, schwimmendes Gefängnis in New York und England, Unterkunft für Volkswagen-Beschäftigte in Deutschland und schließlich Unterkunftsschiff für nigerianische Ölarbeiter.

Kumekawa macht aus diesem wechselnden Einsatzort eine erzählerische Stärke.

Das Schiff wird nie bloß als Kulisse behandelt, sondern als materieller Akteur, der jeweils genau die Form annimmt, die Kapital, Staat und Markt verlangen. Mit seinen modularen Containern lässt es sich umrüsten – für Arbeit, Krieg, Haft oder Wohnen. Diese Flexibilität macht es zum perfekten Sinnbild einer Wirtschaft, die alles in standardisierte, verschiebbare und verwertbare Einheiten verwandelt. Denn Kumekawa interessiert sich vor allem für zwei Eigenarten der Schiffe: ihre Flexibilität und ihre Passivität. Ohne Motor und Ruder ausgestattet, sind sie wortwörtlich nicht in der Lage, sich eigenständig fortzubewegen. Gleichzeitig erfüllen sie unterschiedliche Zwecke, einmal mit ihren unterschiedlichen Einsatzmöglichkeiten, aber auch in einem rechtlichen Sinne. Beide Schiffe existieren nicht nur in der physischen Welt als materielle Gegenstände, sondern sind ebenso immaterielle Vermögenswerte, die ihre nationale Zugehörigkeit beliebig wechseln können, ohne dass das ihre physische Gestalt oder den Einsatzort beeinflusst

Globalisierung zum Anfassen

Die eigentliche Leistung des Buches besteht darin, abstrakte Prozesse sichtbar zu machen. Offshore-Finanzierung, Steueroasen, Billiglohnarbeit, Deregulierung, Masseninhaftierung, Privatisierung und die Verlagerung industrieller Produktion erscheinen nicht als Schlagworte, sondern als konkrete Infrastrukturen, Verträge, Eigentumsverhältnisse und menschliche Lebensbedingungen.

Kumekawa verbindet die Geschichte des Schiffs mit der Geschichte tausender Menschen, die an Bord lebten, arbeiteten oder gefangen gehalten wurden. Dadurch bekommt die Globalisierung ein Gesicht: Sie zeigt sich in Ölplattformarbeitern, Soldaten, Häftlingen und Fabrikbeschäftigten, die zwar tausende Kilometer voneinander entfernt sind, aber von denselben ökonomischen Logiken geprägt werden.

Historisch fundiert, gut erzählt

Das Buch beruht auf Oral Histories, Rechtsdokumenten und Archivmaterial. Diese Quellenbasis verleiht der Erzählung Substanz, ohne sie akademisch schwerfällig zu machen. Kumekawa schreibt präzise, anschaulich und mit einem Gespür für die absurden Wendungen, die eine solche Schiffsgeschichte mit sich bringt.

Die deutsche Übersetzung von Andrea Kunstmann macht den Text zugänglich, ohne die begriffliche Schärfe zu verwässern. Leserinnen und Leser brauchen keine wirtschaftswissenschaftlichen Vorkenntnisse. Wer bisher mit Begriffen wie „Neoliberalismus“, „Offshoring“ oder „Finanzialisierung“ wenig anfangen konnte, versteht nach dieser Lektüre, welche materiellen und politischen Realitäten dahinterstehen.

Eine überzeugende Mikrogeschichte

„Beliebige Fracht“ beweist, dass eine Mikrogeschichte sehr viel über die große Geschichte sagen kann. Kumekawa verzichtet auf moralisierende Vereinfachungen, ohne die sozialen und politischen Kosten des globalen Kapitalismus zu beschönigen. Das Schiff ist zugleich Arbeitsort, Kriegsinfrastruktur, Gefängnis und Finanzobjekt – und gerade diese Mehrfachnutzung macht die Analyse so überzeugend.

Das Buch ist besonders empfehlenswert für Leserinnen und Leser, die Wirtschaftsgeschichte jenseits von Lehrbuchprosa suchen. Es ist informativ, originell, gut geschrieben und politisch relevant, ohne belehrend zu wirken.

Beliebige Fracht
Autor: Ian Kumekawa
Übersetzerin:  Andrea Kunstmann
Verlag: HarperCollins
Preis:  25,00 Euro
ISBN: ‎978-3365006450

 


Veröffentlicht am: 23.10.2026

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