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Der Fremde draußen vor der Türe

Geschichte aus "Schlüssel-Kinder" vom Zeitgut-Verlag



(Dorothea F. Voigtländer, Bonn, Nordrhein-Westfalen; Februar 1950) Er weinte. Die Tränen liefen ihm langsam über das Gesicht, verfingen sich in den Bartstoppeln, und seine großen, braunen Augen blickten mich mit unendlicher Erleichterung an. „Du bist also die kleine Dorothea?“, fragte er, und wieder schluchzte er. Dann fing auch ich an zu weinen, denn so etwas hatte ich noch nie gesehen: einen so jungen Mann, der weinte!

Er trug einen Rucksack und eine grüne Kappe auf seinen schwarzen, lockigen Haaren. Merkwürdigerweise hatte ich keine Angst. Dabei hatte ich das Verbot von Mutti mißachtet: „Die Haustüre bleibt fest verschlossen.“

Und so begann es: Es hatte geschellt. Hinter der Glastüre zeichnete sich die Silhouette eines großen Mannes ab, der nach Mutti fragte, der auch nach mir fragte. Das war komisch. Die Stimme kannte ich nicht. Nach langem Flehen und Betteln des Mannes zog ich den Haustürschlüssel mit der Kordel über den Kopf. Kalt lag der Schlüssel einige Sekunden in meiner Hand, unbeweglich stand ich da, fast wie gelähmt. Soll ich, oder doch lieber nicht?

Aber ich hatte keine Angst. Seltsam. Bisher hatte ich eigentlich immer Angst gehabt, hatte mich fest in die Wohnung eingeschlossen, bis Mutti von der Arbeit zurückgekommen war. Das war dann immer wie ein Fest. Doch diesmal hatte ich ihr Verbot mißachtet und stand weinend vor dem Mann, der immer noch draußen vor der Türe stand und mich anstarrte. Liebevoll, wie ich als realistisch denkendes Kriegs- und Nachkriegskind registrierte. Irgendwie kam er mir dann sogar bekannt vor.

Schließlich überwand ich meine Scheu und ich bat ihn höflich in die Wohnung: „Wollen Sie einen Kaffee? Ich habe noch welchen da. Geklaut natürlich.“ Ich tat großartig und selbstbewußt und erntete ein sanftes Lächeln.
Schwerfällig setzte sich der Mann auf den Küchenstuhl, streckte ein Bein vor und seufzte. Er hatte Schmerzen.
"Mein Bein, vom Krieg“, sagte er wie entschuldigend.
„Ich weiß“, sagte ich selbstbewußt, „aber seien Sie froh, daß Sie es noch haben, der Onkel Ludwig hat sein rechtes Bein verloren, von oben bis unten.“
„Was, der Ludwig hat auch überlebt?“, fragte der Mann und begann wieder zu weinen.

„Der Kaffee wird Sie schon wieder aufmuntern“, tröstete ich ihn.
„Du redest genau wie deine Mutter“, sagte der Mann und strich mir scheu über den Scheitel. „Und Deine Zöpfe sind schön dick und lang.“ Er wußte, wie man „jungen Damen“ von damals schmeichelte.
Tatsächlich waren meine Zöpfe mein ganzer Stolz, obwohl mein Haar zu kraus war, als daß sie lange ordentlich hielten. Mehrmals am Tag flocht ich meine Zöpfe, band bunte Schleifen hinein und fand mich natürlich schön!

Mit langsamen Schlucken trank der Mann seinen Kaffee. Schließlich konnte ich mit meinen sieben Jahren schon fast kochen. Das von Mutti vorbereitete Abendessen lag unter einem Tuch, von Fliegen geschützt, neben dem Gasherd. Punkt sechs Uhr mußte ich die Kartoffeln aufstellen. Und wenn sie gar waren, dann kam Mutti und brachte Roswitha mit, die tagsüber bei Tante Rosi war.
„Mutti kommt gleich mit Roswitha“, sagte ich dem Mann und stellte den Topf mit den geschälten Kartoffeln auf den Gasherd. Als ich mich umdrehte, hatte der Mann seinen Kopf in beide Hände auf den Küchentisch gestützt und weinte lautlos mit zuckenden Schultern.

„Also Roswitha heißt das zweite und ist ein Mädchen“, sagte er mit ganz leiser Stimme und starrte mit tränennassen Augen aus dem Fenster.
Der Ausblick war nicht der Schönste. Hier bäumte sich ein riesiger Trümmerhaufen, denn das Nachbarhaus war von den Bomben getroffen worden. Die erste Frühlingssonne schien in die Küche, die ich morgens noch geputzt hatte, damit sich Mutti heute abend freuen sollte.

Dann hörte ich ihre Schritte. Der Mann sprang wie elektrisiert von seinem Stuhl, stöhnte leise, als er sein verletzten Bein nachzog und blieb wie erstarrt stehen, als er das muntere Kinderplappern von Roswitha hörte, die gleich darauf in die Küche hineinhüpfte. „Mutti, die Dorothea hat einen fremden Mann reingelassen! Auweia, das gibt Ärger“, freute sie sich schon.

Dann war es plötzlich ganz still. Mutti stand in der Küchentüre und war ganz weiß im Gesicht. Dann liefen der Mann und Mutti aufeinander zu und umarmten sich, küßten sich sogar.
Wir Kinder waren sprachlos.

„Daß ihr noch alle lebt und wohlauf seid“, sagte der Mann dann ganz zärtlich zu Mutti, die sich fest in seine Arme kuschelte. So hatte ich meine selbstbewußte und starke Mutter noch nie gesehen! Sie sah richtig schön aus und viel, viel jünger. Auch war sie heute überhaupt nicht müde, wie sonst, wenn sie um diese Zeit nach Haus kam.

So lernte ich im Februar 1950 meinen Vater kennen, der aus Krieg und russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause kam. Fast sieben Jahre lang hatten wir nichts von ihm gehört. Er galt seit Juli 1943 als vermißt. Im Mai 1944 war meine Schwester Roswitha geboren worden. Irgendwie muß ich es gespürt haben, daß ich diesem „fremden Mann“ vertrauen konnte und ihm die Türe geöffnet hatte. Unsere Herzen hatte er ohnehin sofort erobert. Wer so nett zu Mutti war, der mußte gut sein!

Als Vati Christoph dann aus dem Bad kam, da verliebten sich seine Töchter in den schmucken, jungen Mann. Endlich waren wir eine richtige Familie. Und abends wurde mit Oma, Opa, Onkel Hans und Tante Kathi mit Tränen und Lachen gefeiert. Die anderen Verwandten versuchten wir telefonisch zu erreichen: „Christoph lebt und ist heil wieder da“, so tönte es den ganzen Abend.

Bild: Ende Sommer 1950: Unsere Familie bei einem Ausflug zu Verwandten nach Aachen vor unserem ersten Auto, einem „Opel Kapitän“. Links, vor Vati, stehe ich, in der Mitte Mutti im geblümten Kleid.

Schlüssel-Kinder
Kindheit in Deutschland 1950-1960
Zeitgut Verlag Berlin  
Preis: 12,90 Euro
ISBN: 3-86614-156-4

 


Veröffentlicht am: 08.07.2022

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